Reden

Jubiläum der Business Solutions Consultants Ostbelgien


Rede von Karl-Heinz Lambertz, Parlamentspräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft, anlässlich des Jubiläums der Business Solutions Consultants Ostbelgien
Eupen, den 21. November 2014

 

Nach all der hochinteressanten geistigen und musikalischen Nahrung, die wir in den letzten anderthalb Stunden hier genießen durften, bin ich nun für Sie das letzte verbleibende Hindernis zwischen Ihnen und dem Umtrunk.

Ich bin mir dieser großen Verantwortung bewusst und eigentlich könnte ich es mir sehr leicht machen. Da ich ja wusste, dass ich heute hier der letzte Redner sein würde, habe ich mir einen Ausstieg vorbereiten lassen mit einem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe, der im Zusammenhang mit irgendwelchen Jubiläen mal gesagt haben soll: „Das Tun interessiert, das Getane nicht“. Naja, als Laudatio eignet sich das ja nicht so ganz, auch wenn es natürlich für viele Menschen sehr viel spannender ist, sich mit dem zu beschäftigen, was sein wird, als mit dem, was mal war. Aber auch beim „Jetzt“ ist es durchaus sinnvoll und interessant, etwas Abstand zu nehmen und einen Schritt zurückzutreten.

Zurücktreten meine ich natürlich nicht im politischen Sinne. Einen Schritt zurücktreten und sich das Geschehen einmal etwas näher anschauen und prüfen: das haben wir in den letzten beiden Jahren im Rahmen vieler Anlässe gemacht, bei denen das 30. bzw. 40. Jubiläum von Regierung und Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) im Mittelpunkt standen. Auch das Kürzel DG ist inzwischen schon mehrere Jahrzehnte alt. In solchen Abkürzungen steckt manchmal ganz interessantes Potenzial.

Wenn wir schon beim Thema Kürzel sind: Was heißt eigentlich BSC? Da hat es relativ lautlos eine semantische Mutation gegeben. Zunächst standen die drei Buchstaben für „Business Senior Consultants“ und daraus ist dann im Laufe der heute gefeierten zehn Jahre „Business Solution Consultants“ geworden. Das ist eine interessante Veränderung, die sehr viel aussagt. Die Damen und Herren, die unter diesem Markenzeichen arbeiten, sehen sich weniger als „Senioren“, sondern vielmehr als „Lösungen“. Genau darauf kommt es meiner Meinung nach ganz entscheidend an. Diese zehn Jahre sind sehr spannende Jahre gewesen, die ich als Regierungsmitglied aus einer sehr konkreten Nähe beobachten und miterleben durfte.

Das Abenteuer hat 2004 angefangen. Damals gelang der zweite Versuch, eine BSC Gruppe in Ostbelgien zu schaffen. Es gab vorher schon einen ersten Versuch, Ende der neunziger Jahre von Lüttich aus eine BSC-Gruppe aufzubauen. Nachdem das nicht gelungen war, kam dann ein zweiter Versuch, der von einem damals noch zehn Jahre jüngeren Team der WFG unterstützt und auf den Händen getragen wurde, um zu einem Erfolg zu kommen. Beim zweiten Anlauf hat es also geklappt. Eine erste Lehre, die man daraus ziehen kann, ist die, dass man nach dem ersten Misserfolg nie aufgeben sollte. Aus der BSC-Initiative ist hierzulande eine wirkliche Erfolgsstory geworden. Das war keineswegs evident. Die Initiative ist auf eine Art und Weise angepackt worden, die Bewunderung verdient und die in vielfältiger Weise auch für andere Projekte in Ostbelgien Vorbild sein kann.

Nachdem man als Abteilung einer Lütticher Organisation angefangen hat, stellte man sehr schnell fest, dass man es auf eigene Rechnung alleine genauso gut schaffen kann. Ähnliches soll es in anderen Bereichen in den Beziehungen zwischen Ostbelgien und Lüttich schon mal gegeben haben und wird es in Zukunft sicherlich noch geben.

Dieses „Sich-Frei-Schwimmen“ von der wallonischen Organisation hat erlaubt, hierzulande etwas sehr Maßgeschneidertes aufzubauen, das typisch ostbelgisch ist. BSC hat nach zehn Jahren bewiesen, dass es nicht nur eine tolle Idee war, sondern auch nachvollziehbare, messbare Erfolge zu verzeichnen sind. Diese Initiative besitzt alle Alleinstellungsmerkmale, die ein erfolgreiches Unterfangen braucht: Sie basiert auf einem Team, das sich versteht, das gerne zusammenarbeitet und aus Überzeugung mitmacht. Die Arbeit geschieht weniger aus beruflicher Pflicht, sondern vielmehr aus Spaß und Leidenschaft.

Das ist eine Motivation, die eigentlich mit nichts zu bezahlen ist, denn sie schafft gute Voraussetzungen für erfolgreiches Handeln. Das kenne ich aus vielen anderen Bereichen, wo ehrenamtliches Engagement schöne Möglichkeiten bietet, etwas Sinnvolles für seine Heimat zu tun. Die zwölf aus der BSC-Gruppe bringen eigentlich das Wertvollste mit, was ein Mensch überhaupt zu Verfügung stellen kann: Zeit und Erfahrung. Dadurch ist in den letzten Jahren Hervorragendes geleistet worden und man kann eigentlich nur sagen: „weiter so!“
Wie geht es denn nun weiter mit der BSC? Darüber haben wir heute Interessantes aus dem Munde des ausscheidenden Präsidenten in der Zeitung lesen können. Wenn es in der Zeitung steht, dann muss es ja stimmen. Das wissen vor allem wir Politiker. Eines ist klar: Wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, der hat schon verloren. Und genau das werden die Damen und Herren aus der BSC-Gruppe ganz gewiss nicht tun. Ich glaube vielmehr, dass sie das machen werden, was bei einem Wechsel an der Spitze immer anzuraten ist. Sie werden durch die Brille ihrer Geschichte und Vergangenheit in die Zukunft schauen und sehen, was ihnen Erfolg gebracht hat, wo sie besonders gut waren, wo sie noch verbesserungswürdig sind und wie es weiter gehen kann.

Das es den Bedarf für diese Arbeit gibt, ist unumstritten. Das gilt übrigens weltweit, europaweit, belgienweltweit und natürlich auch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Zudem ist das, was bisher gemacht wurde, sicherlich noch ausbaufähig. Dazu möchte ich einige Gedanken vortragen. BSC in Ostbelgien, das war für viele Unternehmer, die schwierige Situationen zu meistern hatten, eine sehr willkommene Hilfe. Dies kann man an den fast 200 bearbeiteten Fällen ganz konkret dokumentieren. Da ist Arbeit mit hohem Mehrwert für die betroffenen Betriebe, für die gesamte Region und nicht zuletzt für die Menschen, die dort arbeiten, geleistet worden.

Ich glaube aber auch, dass nicht nur Unternehmen in Schwierigkeiten auf BSC zurückgreifen sollten, sondern auch beispielsweise junge dynamische Starter, die eine neue Initiative ergreifen wollen. Menschen, die mit ihrem Enthusiasmus in ein neues Abenteuer einsteigen, können die fehlende Erfahrung bei der BSC finden. Wir brauchen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes viele Starter in bestehenden und neuen Bereichen. Wenn wir uns die Struktur der ostbelgischen Wirtschaft anschauen, dann stellen wir fest, dass es weit über 1700 Betriebe mit weniger als 5 Mitarbeitern gibt. Ein Großteil davon sind Ein- oder Zwei-Mann Betriebe. Stellen wir uns einen Augenblick lang vor, es gelänge, in jedes dieser Unternehmen so viel Wachstum und Entwicklung hinein zu bekommen, dass sie eine oder zwei Personen mehr bräuchten. Wir hätten zu wenig Arbeitslose, um überhaupt diese Stellen zu besetzen! Dieser Schritt weg von einem Kleinstbetrieb ist ebenso schwierig wie der Schritt von einem kleinen zu einem mittleren Unternehmen. Das sind keine kontinuierlichen Prozesse, sondern eher stufenförmig ablaufende Veränderungen. Bei der Umwandlung von Kleinstbetrieben in Kleinbetriebe gibt es hierzulande noch ein gewaltiges Potential, das auf der Ebene der Beratung durch ehrenamtlich Tätige besonders interessant ist, weil sich dafür sehr oft Hauptamtliche, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen wollen, nicht genügend an Einkommensmöglichkeiten ergeben. Es können auch noch andere Perspektiven in Erwägung gezogen werden. Jeder spricht von crowdfunding, das Geld herbeizaubert, oder von Risikokapital, das business-angels mobilisieren. Auch in Ostbelgien gibt es diesbezüglich Bedürfnisse, die noch nicht befriedigt sind und interessante Entwicklungsperspektive eröffnen. Wenn wir alle Probleme in allen Unternehmen mit Schwierigkeiten gelöst haben, dann bleibt für BSC immer noch ein gewaltiges Tätigkeitsfeld. Darüber hinaus besteht seit Beginn eine wichtige Dimension der Arbeit von BSC in der Verbindung mit den Instrumenten der ostbelgischen Wirtschaftsförderung. Die Zusammenarbeit mit der WFG und der Ostbelgien- Invest geht weit über die örtliche Zusammenlegung im Quartumcenter hinaus und kann sicherlich in Zukunft noch weiter ausgebaut werden.

Im heutigen Zeitungsartikel wurde auch noch ein anderes äußerst wichtiges Thema ausgesprochen. Wie andere vor ihm hat der Präsident sein Ausscheiden aus den operationellen Aufgaben hierzulande mit der Ankündigung verbunden, sich in Zukunft noch intensiver mit den Kontakten nach außen zu beschäftigen. Das ist sehr wichtig. Ich bin überzeugt davon, dass die Zusammenarbeit mit ähnlichen Einrichtungen im Inneren des Landes, aber auch und nicht zuletzt in der Bundesrepublik Deutschland für die Arbeit der BSC und insgesamt für die DG einen ganz wichtigen Aspekt ausmacht.

Dann bleibt noch die größte Herausforderung überhaupt, die eine Organisation wie die BSC zu bewältigen hat: die ständige Suche nach neuen Mitstreitern. Wenn man sich die Wohnsitze und die Ursprungsorte der verschiedenen BSC-Mitglieder anschaut, stellt man in der Tat fest, dass die Flächendeckung noch nicht perfekt ist. Es gibt noch einige weiße Flecken auf der ostbelgischen Landkarte. Die sind gar nicht so leicht zu füllen. Aber es muss immer wieder versucht werden. Und es gibt ja auch regelmäßig solche Versuche. Das Opfer eines solchen Versuchs bin ich selbst geworden, als mir der ausscheidende Präsident in einem Gespräch sagte: „Sie haben eine gewisse Erfahrung, sie haben Jura studiert und sie haben das Alter erreicht, das man braucht, um bei den Über-60-Jährigen dabei zu sein“. So bin ich eigentlich mit der Absicht hierhin gekommen, dieser Bitte heute stattzugeben. Aber dann habe ich etwas gemacht, was ich im vorigen Jahrhundert als Jurist beigebracht bekommen und nie vergessen habe. Vor meinem definitiven Jawort habe ich das Kleingedruckte auf dem Vertrag analysiert und mir ebenfalls die Einladungskarte zum heutigen Abend nochmals genau angeschaut. Nachdem ich meine Brille aufgesetzt habe, konnte ich deutlich lesen, was die BSC eigentlich ist: eine Vereinigung von „ehemaligen Führungskräften“. Das ist für meinen Beitritt ein unüberwindbares Hindernis. Ich kann es dem PDG nicht antun, eine ehemalige Führungskraft als Präsidenten zu haben und den auch noch mit einer Parlamentsreform zu beauftragen. Das kann ich nicht nur dem Parlament, sondern auch mir selbst nicht antun. Mein Selbstverständnis für die kommenden Jahre ist alles andere als das einer ehemaligen Führungskraft in der DG und deshalb kann ich, lieber Herr Kimmel, zumindest heute ihrem Antrag nicht stattgeben.

Was ich wohl machen kann, ist Ihnen und all Ihren Mitstreitern – den jetzigen und den ehemaligen – herzlich für ihr Engagement und Ihren Mut zu danken, diese Initiative in Ostbelgien hineingetragen und zum Erblühen gebracht zu haben. Man könnte noch sehr viel sagen. Aber es gilt der Spruch:
„ein Festredner sollte sich nicht festreden, er sollte abtreten, wenn man noch gerne zuhört.“

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Rede Anlässlich des Jubiläums Der BSC am 21. November 2014
Rede Anlässlich des Jubiläums Der BSC am 21. November 2014
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