Reden

Rede anlässlich des Empfangs zum „Tag der Deutschen Einheit“


Rede von Karl-Heinz Lambertz, Präsident des Parlamentes der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, anlässlich des Empfangs zum „Tag der Deutschen Einheit“, organisiert durch die Herren Blaise und Noël, Honorarkonsule der Bundesrepublik Deutschland in Belgien

20141003 Rede Anlässlich Des Tages Der Deutschen Einheit Im Heidbergkloster (82.3 KiB)

Eupen, 3. Oktober 2014

Werte Festversammlung,

zuallererst möchte ich den beiden Honorarkonsulen Ritter Yves Noël und Gerard Blaise dafür danken, dass sie die heutige Veranstaltung, die unter ihrer Leitung in den letzten Jahren schon fast eine Tradition geworden ist – im Rheinland ist alles Tradition, was zweimal stattgefunden hat, – hier in diesem Hause organisiert haben. Wer die Vorgeschichte der Renovierung dieses Klosters kennt – einige unter Ihnen kennen sie sehr genau, der weiß das durchaus zu schätzen. Gerade für eine Veranstaltung, zu der Gäste aus dem Lütticher Raum und dem Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft eingeladen sind, könnte man wohl  besseres als dieses Gebäude finden, das Anfang des 18. Jahrhunderts von einem Lütticher Bürgermeister errichtet worden ist, um hier seine Töchter als Nonnen unterzubringen. Das ist eine sehr interessante Geschichte.

Das ganze Haus atmet förmlich Geschichte. Es ist eines der wesentlichen Denkmäler unserer Gemeinschaft. Die Restaurierung war aus Sicht der Regierung der DG, der ich damals vorsaß, ein prioritäres Anliegen. Wir haben es verwirklicht und sind darauf richtig stolz. Es ist aber auch ein symbolträchtiger Ort, ein Wahrzeichen unserer Gemeinschaft, das vor allem das Überwinden von Grenzen in den Mittelpunkt seiner Tätigkeiten setzen möchte. Hier wird Vieles stattfinden. Hier sind Möglichkeiten unterschiedlichster Art gegeben. Hier kann man tagen, nachdenken, entscheiden und auch feiern. Auf jeden Fall verbessert dieses Kloster die Handlungsmöglichkeiten in der Deutschsprachigen Gemeinschaft entscheidend. Es soll insbesondere dazu dienen, Begegnungen, Austausch und kreative Zusammenarbeit zu ermöglichen. Ich hoffe, dass dieses Kloster in der kleinen Deutschsprachigen Gemeinschaft viele Gelegenheiten zu großen Begegnungen bieten wird.

Die heutige Veranstaltung ist eine wichtige Angelegenheit. Der Tag der Deutschen Einheit lässt auch die DG nicht unberührt. Schon gar nicht im Jahre 2014. Die Jubiläen werden sicherlich noch mehrmals erwähnt werden. Ich werde jetzt nicht lange über 100 Jahre Erster Weltkrieg reden. Der Herr Botschafter und ich selbst haben in den letzten Monaten, ebenso wie der Herr Ministerpräsident so vielen Veranstaltungen beigewohnt, dass wir fast alles gehört haben, was man dazu sagen kann. Es ist äußerst wichtig, auf solch historische Dimensionen hinzuweisen. Das gilt insbesondere für die Deutschsprachige Gemeinschaft, deren Existenz in Belgien eine Folge des Versailler Vertrages ist.

In einigen Monaten werden wir des Endes des Zweiten Weltkrieges mit der Totalzerstörung von St. Vith vor 70 Jahren gedenken. Wir begehen in wenigen Wochen auch den
25. Jahrestag des Mauerfalls, das ist ein Ereignis von weltpolitischen Bedeutung. Von diesen Jubiläen spricht man dauernd. Ich möchte aber auch ein Jubiläum erwähnen, von dem man seltener spricht, nämlich 60 Jahre Pariser Verträge über die Souveränität der Bundesrepublik Deutschland und ihre Integration in das Westliche Militärbündnis. Dieser Vertrag wurde am 23. Oktober 1954 abgeschlossen. Dies ist sicherlich für die Geschichte der BRD ein besonders wichtiges Datum.

Wenn wir die Deutschsprachige Gemeinschaft mit der Bundesrepublik Deutschland in Verbindung bringen, müssen wir wegen der Größenverhältnisse manchmal mit der Lupe arbeiten oder den Proporz verfälschen, damit die DG etwas größer aussieht und die Bundesrepublik Deutschland etwas kleiner. Wenn wir über diese Beziehungen nachdenken, landen wir schnell in unserer eigenen Geschichte, deren Aufarbeitung z.Z. in hervorragender Weise stattfindet. Dies ist eine sehr leidvolle Geschichte, die erst im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Erfolgsstory geworden ist. Das wiederum verdanken wir der Umwandlung Belgiens in einen Bundesstaat und der daraus abzuleitenden Autonomie der Deutschsprachigen Gemeinschaft.

Diese Autonomie hat in den letzten Jahrzehnten in vielfältiger Weise die Möglichkeit geschaffen, mit Partnern überall in der Bundesrepublik Deutschland konkrete, interessante und erfolgreiche Beziehungen aufzubauen. Wie bei allen Dingen im Leben gibt es auch im Bereich der Beziehungen nichts, was unvergänglich ist. Auch die Beziehungen zwischen Gebietskörperschaften muss man dauernd pflegen und weiterentwickeln. Das gehört nach meinem Verständnis zu den wichtigen Aspekten ostbelgischer Politikgestaltung.

Die Beziehungen zu Deutschland haben viel mit Nachbarschaft zu tun. Die Gebietskörperschaften in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, die unmittelbar an ostbelgische Kommunen grenzen, sind besonders wichtige Partner, und dies schon seit so langer Zeit, dass man dabei viel wohltuende Routine erleben kann. Auch die Landeshauptstädte dieser und aller anderen Bundesländer sind für die Deutschsprachige Gemeinschaft wichtige Ansprechpartner. Dasselbe gilt ebenfalls für die Bundesregierung, auch wenn wir auf dieser Ebene eher in marginalen Themen aktiv werden können, denn die großen Dinge der Beziehungen zwischen Belgien und Deutschland liegen nicht in den Händen der Deutschsprachigen Gemeinschaft, sondern richtigerweise in den Händen des belgischen Staates. Wir hoffen übrigens alle, dass das noch sehr lange der Fall sein wird.

Ganz besonders eng haben wir natürlich immer mit den Botschaftern der Bundesrepublik in Belgien zusammengearbeitet. Ich selbst habe die besten Erinnerungen an diese Arbeit, mit Ihnen, Herr Cuntz, sowie mit Ihren Vorgängern. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies für meine Nachfolger und Ihre Nachfolger weiterhin so sein wird. Die Normalität der Beziehungen zwischen Deutschland und Belgien ist ein wunderbarer Rahmen, um sich nicht nur über Probleme, sondern vor allem über Perspektiven der Kooperation zu unterhalten. Und wenn es hin und wieder Probleme gibt, müssen diese „entmautet“ werden.

Für Regierung und Parlament der DG bieten die Partner in Deutschland eine beeindruckende Vielfalt von Kontaktmöglichkeiten. Gerade diese Vielfalt macht das Besondere aus. Wenn man hierzulande für ein Problem  eine Lösung sucht, lohnt es sich immer, sich einmal anzuschauen, wie dieses Problem anderswo, insbesondere in den einzelnen Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland und in Österreich gelöst worden sind, ehe man sich in eine Richtung stürzt und anfängt, aktiv zu werden. Dort findet man fast immer interessante Ansätze. Man findet vor allem fertige Unterlagen in deutscher Sprache. Diese braucht man nicht mehr zu übersetzen. Das hat manchmal einen großen Vorteil. Aber selbst wenn übersetzt werden muss, lohnt es sich auch.

Ein wunderbares Beispiel für eine solche Zusammenarbeit besteht im Unterrichtsbereich. Als wir vor einige Jahren etwas von den Flamen über deren Unterrichtssystem erfahren wollten, hat man uns gesagt, dass die Hessen sich bereits vor uns gemeldet und alle Unterlagen mitgenommen hatten. In Wiesbaden haben wir die deutsche Übersetzung der flämischen Dokumente gefunden und diese nach Eupen mitgebracht. Nachdem wir dies voller Freude anderen deutschen Bundesländern erzählt hatten, wollten diese die Dokumente ebenfalls nutzen. Völlig undeutsch haben wir versprochen, die Unterlagen informell weiterzuleiten, aber dann natürlich auch einen Bedenkenträger angetroffen, der gefragt hat, ob wir das denn überhaupt dürfen. Wir haben damals beschlossen: „wir dürfen“. Das ist grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Alltag. Und ich kann Ihnen aus langer Erfahrung versichern: das macht sehr viel Freude!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wenn man in einigen Jahren einen Blick auf  die jüngere Geschichte Europas werfen wird, dürfte der 18. September ein wichtiges Datum sein, weil an dem Tag das  Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands stattgefunden hat. Es ist nicht verboten, neue Staaten entstehen zu lassen. Wenn das der Fall wäre, gäbe es die überwiegende Mehrheit der jetzigen Staaten überhaupt nicht. Aber die Frage, ob man regionalen Besonderheiten eher durch das Schaffen neuer Staaten oder aber durch eine bessere Autonomiegestaltung  Rechnung tragen kann, war, ist und bleibt eine sehr spannende Frage überall in Europa,  selbst in den zentralisiertesten Staaten und sicherlich in Belgien.

Dennoch erwähne ich heute den 18. September nicht, um über Schottland zu reden. Schließlich haben wir noch keinen schottischen Honorarkonsul in Eupen oder Lüttich. Ich spreche deshalb vom 18. September, weil aus meiner Sicht an diesem Tag auch etwas stattgefunden hat, was für die Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens von großer inhaltlicher und symbolischer Bedeutung ist: Zum ersten Mal in der Geschichte hat das Staatsoberhaupt Belgiens, unser König, am Treffen der Staatsoberhäupter der deutschsprachigen Staaten Europas teilgenommen. Um das zu können, muss man nicht nur Staatsoberhaupt sein – das ist auch eine Voraussetzung -, dazu muss vor allem akzeptiert sein, dass der zu vertretende Staat ein deutschsprachiger Staat in Europa ist. Diese symbolische Anerkennung der deutschen Sprache in Belgien ist von außerordentlich großer Bedeutung. Ich möchte dies jetzt nicht auf dieselbe Ebene stellen wie die Sprachgesetze von 1963, aber von der Symbolik her ist es kaum zu überschätzen und übrigens indirekt proportional zur Bedeutung, die dieses wichtige Ereignis in der Presse insgesamt und insbesondere in der hiesigen gefunden hat. Es war übrigens das 11. Treffen dieser Staatsoberhäupter. Mit die Zahl 11 hat es ja so eine Bewandtnis. 11 ist im Rheinischen Karneval ein besonders wichtiges Datum. Beim Treffen in Rostock ging es nicht um lustige, sondern um sehr ernste Sachen, obschon ich hoffe, dass die Versammlung sehr freundschaftlich und fröhlich war. Übrigens wird der Rheinische Karneval, demnächst zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco gehören. Die Entstehungsgeschichte dieser Anerkennung hat übrigens auch etwas mit den Beziehungen zwischen der Deutschsprachigen Gemeinschaft und der Botschaft in Brüssel zu tun hat. Aber das ist eine sehr lange Geschichte, die ich heute hier nicht erzählen werde. Auf jeden Fall bedeutet diese symbolträchtige Zeitnahme unseres Staatsoberhauptes für Regierung und   Parlament der DG ein besonders starker Motivationsschub, um bei der Schaffung und Pflege von Verbindungen zwischen Belgien und Deutschland, sowie insgesamt zwischen Belgien und dem deutschsprachigen Ausland in Europa, weiter aktiv zu bleiben und mitzuwirken.

Pour beaucoup de francophones et de flamands en Belgique, l’Allemagne reste une inconnue. Certes, on connaît l’Allemagne. On sait qu’il y a des allemands en Europe. On ne sait pas toujours, que l’allemand est la langue maternelle la plus parlée en Europe. Ce qui est certainement tout à fait méconnu en Belgique en général et en Région wallonne en particulier, c’est l’extraordinaire diversité de l’Allemagne.

Peu de gens se rendent compte de la diversité allemande au niveau du paysage et de la culture, même de la langue, ou plus particulièrement de la manière de la parler.  Quand des gens de Hambourg et de Munich ont bu quelques verres de bières et commencent à se parler, ce n’est pas toujours évident de comprendre. L’Allemagne comprend 16 entités fédérées qui présentent parfois de très grandes différences dans les structures et le fonctionnement. Cette diversité constitue une très grande source d’inspiration pour tous ceux qui veulent accélérer le traitement des maladies d’enfance du fédéralisme belge par l’apprentissage de bonnes pratiques. Il y a beaucoup de choses à découvrir et la Communauté germanophone, dans le cadre de ses modestes possibilités, a l’ambition d’être une porte d’entrée vers l’Allemagne, tout, comme elle veut d’ailleurs être aussi une porte d’entrée vers la Belgique dans l’autre sens. Chaque fois, quand nous pouvons contribuer à accélérer la création de liens supplémentaires entre des institutions, des entreprises, des associations belges et allemandes, nous sommes toujours prêts à le faire.  Pour pouvoir le faire convenablement, nous avons d’ailleurs pris un certain nombre de dispositions, comme par exemple le travail que nous menons dans nos représentations à Bruxelles et à Berlin.

Pour la Province de Liège enfin, j’ai l’intime conviction qu’un regard vers l’Est peut parfois compléter très utilement le regard bien connu et fixé vers le sud sur Paris.  Certes, les liens entre Liège et la France sont légendaires. Le 14 juillet à Paris n’est rien au côté de celui à Liège.  Le positionnement de la Province de Liège, de la Ville de Liège, de ce qu’on appelle parfois aussi la métropole liégeoise peut considérablement prendre de l’ampleur, si les liens avec la France se complètent par des liens d’une intensité comparable, toute proportion gardée, avec l’Allemagne.  Dans ce contexte se présente une grande opportunité pour Liège.   Au niveau politique, économique, culturel et administratif que les HEC ont saisi avec d’autres partenaires en organisent dans ce même bâtiment, le fameux « Open-Borders-Master ». Cette opportunités ’étend à toute l’Euregio Meuse-Rhin qui peut constituer à cet égard une haute école au sens figuré.  Dans cette Euregio, nous avons une diversité extraordinaire et un lieu particulièrement prosopis à l’approfondissement des relations avec les Allemands et les Néerlandais. Dans cet espace transfrontalier de 4 millions d’habitants les situations urbaines et rurales se mélangent parfaitement, pour évaluer vers un espace d’intégration. Il y a un grand rôle à jouer pour Liège dans toutes ses dimensions, de la Ville jusqu’à la métropole en passant évidemment par la Province.  Cet enjeu constitue un sujet particulièrement intéressant pour la coopération entre la Communauté germanophone et les entités liégeoises et cela bien au-delà de tout débat sur le rôle des institutions provinciales dans la Belgique en général et ici en Communauté germanophone en particulier.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zum Schluss meiner Ausführungen  möchte ich ganz besonders die Rolle der Honorarkonsule in den Vordergrund stellen. Es ist eine Funktion, die „Honorar“ nur im Sinne von Ehrenhaft beinhaltet. Ein richtiges Honorar gibt es nicht. Es gibt allerdings Kosten. Derjenige, der sich dazu bereit erklärt, nimmt eine präzise Verantwortung auf sich, um im seinem Umfeld die Beziehungen zum Staat, den er vertritt, zu verbessern. Da ist in der Provinz Lüttich hervorragende Arbeit in den letzten 100 Jahren geleistet worden. Deshalb ist das anstehende Jubiläum der Vereinigung der Honorarkonsule und der hauptberuflichen Konsule, die in Lüttich akkreditiert sind, ein wichtiges Ereignis, auf das wir uns alle sehr freuen und das für uns als Deutschsprachige Gemeinschaft so wichtig ist, dass wir dafür selbst  hier eigentlich am 14. November in diesem Raum geplanten Empfang zum „Festtag der Deutschsprachigen Gemeinschaft“ um einen Tag verschoben haben, damit wir alle in Lüttich mit dabei sein können. Ich möchte mich ganz persönlich bei den Honorarkonsulen, die ich in den letzten Jahrzehnten kennenlernen durfte und mit denen ich zusammenarbeiten konnte, für diese Kooperation bedanken. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Zusammenarbeit auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird. Jenseits aller Debatten über die Rolle der Provinz Lüttich in der DG fühlen wir uns an den in Lüttich akkreditierten Honorarkonsulen hervorragend vertreten. Aber wir sind natürlich froh und stolz, dass die beiden Länder, mit denen wir aus nachvollziehbaren Gründen die intensivsten Beziehungen haben, nämlich die Bundesrepublik Deutschland und die Republik Österreich, es richtigerweise für angemessen ersehen haben, für das Gebiet deutscher Sprache besondere Honorarkonsule zu bezeichnen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Ich bin persönlich sehr froh, bei meiner ersten Rede in der Kapelle feststellen zu können, dass die Akustik nicht allzu sehr unter dem Brand vor einigen Jahren gelitten hat.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

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