Reden

Rede von Karl-Heinz Lambertz anlässlich der 3. „OST-kar-Verleihung“


Rede von Karl-Heinz Lambertz, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, anlässlich der 3. „OST-kar-Verleihung“

30/12/2012

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Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Mesdames, Messieurs,

genau wie die beiden vorherigen Ausgaben beweist dieser dritte OST-kar-Abend erneut, wie beeindruckend die Wirtschaftskraft und die Dynamik in Ostbelgien sind.  Das hat natürlich mit den Besonderheiten unseres Wirtschaftsstandortes Ostbelgien zu tun.  Er wird, im Gegensatz zu allen anderen Regionen Belgiens, sehr stark vom verarbeitenden Gewerbe geprägt. 22% aller hierzulande sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten im verarbeitenden Gewerbe. Das ist nirgendwo anders in Belgien so. Er wird vor allem durch eine Wirtschaftsstruktur geprägt, die sehr breit aufgestellt ist. 85% der Unternehmen beschäftigen weniger als zehn Personen. In diesen 85% arbeiten 30% der Mitarbeiter. 14% unserer Unternehmen beschäftigen zwischen 10 und 99 Mitarbeiter. Dort sind 48% der Beschäftigten tätig. Lediglich ein knappes Prozent unserer Unternehmen beschäftigt mehr als 100 Mitarbeiter. Das sind allerdings 24% der Gesamtbeschäftigung. 

Und noch etwas prägt unseren Wirtschaftsstandort: Seine Öffnung und die große Mobilität,  sowohl auf dem Arbeitsmarkt selbst beim Ein- und Auspendeln als auch bei der Suche nach Märkten außerhalb der zugegebenermaßen nicht besonders großen Einzugsgebietes der Deutschsprachigen Gemeinschaft, das selbst dann nicht fundamental größer wird, wenn wir den Begriff „Ostbelgien“ gebrauchen und unsere Nachbargemeinden mit einbeziehen. 

Wichtig ist – das wurde eben von Frau Peters sehr richtig gesagt –, dass dieser Wirtschaftsstandort nicht alleine da steht.  Er liegt mitten in der Euregio Maas-Rhein. Im Aachener, Maastrichter und Lütticher Raum ist ein gewaltiges Potenzial vorhanden.  Es ist übrigens ein schöner Zufall, dass gerade am heutigen 30. November – wo nicht nur vor 22 Jahren die Arbeiten zum Abbau der Berliner Mauer beendet wurden – an meinem Amtssitz in Eupen ein Projekt vorgestellt wird, das in der Euregio seines gleichen sucht und das viel mit unserem Wirtschaftsstandort zu tun hat. Dort wird der geplante Open-Borders-Master vorgestellt, ein Master in Betriebswirtschaft, der sich vor allem an Menschen richtet, die bereits im Beruf stehen und die sich weiterbilden wollen. Bei den Teilnehmern wird nicht nur ein Minimum an Kenntnissen und Diplomen, sondern vor allem die Kenntnis der deutschen, französischen, niederländischen und englischen Sprache vorausgesetzt. Da wird Betriebswissen und Sprachkompetenz kombiniert. Dieses interessante Projekt wird gemeinsam von der HEC in Lüttich, der Universität in Hasselt und der Fachhochschule in Aachen getragen und findet  in Eupen statt, und zwar in dem demnächst fertig renovierten Bildungszentrum Kloster Heidberg.

Der Wirtschaftsstandort Ostbelgien ist etwas, worauf wir stolz sein können! Dessen ungeachtet müssen wir ihn jeden Tag erneut sichern und ausbauen. Wer da nicht nach vorne schaut, geht automatisch zurück. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt formulierte es einmal folgendermaßen: „Nichts kommt von alleine und nur wenig ist von Dauer.“ Das gilt sicherlich für wirtschaftlichen Erfolg. Wenn wir den  wirtschaftlichen Erfolg trotz Krisenzeiten weiter konsolidieren und ausbauen wollen, haben wir alles Interesse daran, hierzulande zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik eng zusammen zu arbeiten und aus den Besonderheiten unserer Region, die zum Teil geschichtlich bedingt sind, die aber auch einen konkreten Gegenwartsbezug haben, das Beste zu machen und uns ziemlich genaue Vorstellungen dafür zu erarbeiten, wie wir die Zukunft unserer Region gestalten wollen.

Das Regionale Entwicklungskonzept (REK) ist sicherlich ein sehr gutes Instrument. Die Arbeit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Ostbelgien, von der eben hier zu sehen und zu hören war, kann ebenfalls zu den wichtigen Arbeitsinstrumenten gezählt werden.

Wie überall in der Welt müssen wir im Grunde genommen vier Herausforderungen meistern und mit deren Konsequenzen in Ostbelgien fertig werden: Da ist zuerst der demographische Wandel. Dieser trifft auch uns sehr stark. Der demographische Wandel hat bereits große Herausforderungen mit sich gebracht und wird im Bereich des Facharbeitermangels noch größere mit sich bringen.  Das müssen wir heute schon sehen und nicht warten, bis es zu spät ist.  Dieser demographische Wandel hat sehr viel mit der Notwendigkeit zu tun, richtig und gut in Ausbildung zu investieren. Das gelingt uns in der Deutschsprachigen Gemeinschaft mit unserer schulischen und mittelständigen Ausbildung hervorragend. Eine gute Voraussetzung dafür bildet das Technologiezentrum, das jetzt gemeinsam für ZAWM und RSI in Eupen im Rahmen des PPP-Projektes entsteht und das demnächst nach Wunsch der Regierung in der Eifel einen Zwillingsbruder erhalten soll.    

Eine zweite weltweite Herausforderung ist die Ressourcenknappheit. Da denkt man meistens an Gaz und Öl.  Wir sollten aber auch an das Wasser denken. Wer die sich aus dieser Knappheit ergebenden Probleme in den nächsten Jahrzehnten erfolgreich meistern will, der muss resolut auf Innovation setzen, so wie wir es bei den heutigen Preisträgern gesehen haben.

Die dritte Herausforderung ist der Klimawandel. Wenn sich der Meeresspiegel in Zukunft wirklich um etliche Meter erhöht, könnte Ostbelgien zwar eines Tages ein größerer Teil Belgiens sein, aber ich weiß nicht, ob das wirklich unser Ziel sein sollte. Klimawandel heißt vor allem resolut auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien setzen und in diesen Bereichen wirtschaftlich tätig werden. Das ist etwas, was die DG im Rahmen des REK mit der Erarbeitung eines umfassenden Energieleitbildes beschleunigen will. 

Die vierte und letzte große Herausforderung ist die Globalisierung. Wer meint, er könnte die Globalisierung ignorieren oder abschaffen, wird nicht weit kommen. Die einzige vernünftige Art und Weise, mit der Globalisierung umzugehen, ist sich selbst in diesen Prozess einzubringen und sich weltweit richtig aufzustellen. Wie wir eben bereits gehört haben, gibt es auch viele ostbelgische Unternehmen, die diesen Weg bereits erfolgreich gegangen sind.  Eine andere Dimension der Globalisierung, die dazu auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen mag, aber in Wirklichkeit komplementär ist, führt uns zur regionalen Kreislaufwirtschaft.  Es gibt viele Dinge, die man in einer Region vernetzt leisten kann, indem man Ressourcen schont und Transportwege abbaut. Darin liegen große Perspektiven verborgen. Wir müssen nicht unbedingt unser Mineralwasser aus Süditalien oder aus irgendeinem anderen weit entfernten Land importieren.  Wir können viele Dinge hier vor Ort produzieren.  Da schlummert auch hierzulande noch ein erhebliches Potential.  Wer ein Stück davon sehen will, sollte sich am Wochenende das Angebot an regionalen Produkten auf der Eifel-Ardennen-Expo in Malmédy näher anschauen.

Wie dem auch sei. Wir stehen vor großen Herausforderungen. Diese werden Morgen nicht kleiner, sondern eher größer. Meine Erfahrung mit erfolgreichem Handeln in Regionen hat mich eine sehr einfache Sache gelehrt, die sich immer mehr als brauchbar erweist und die schon vor etlichen Jahren vom Grenzecho hervorragend formuliert worden ist, als das Grenzecho den Weg ins Internet suchte. Damals wurde von der Internetausgabe des Grenzechos gesagt: „Sie hat die Welt im Blick und die Heimat im Herzen.“ Regional tief verwurzelt, aber auch offen für Kooperationen und Vernetzung zu sein sowie dafür zu sorgen, dass die Verbindung zwischen Verwurzelung und Vernetzung erfolgreich ist. Das ist genau das, worauf es ankommt. Durch Innovation, Kooperation und Identifikation können wir eine Menge zur Festigung des Wirtschaftsstandortes Ostbelgien beitragen.  Der OST-kar, der im mehrjährigen Abstand  verliehen wird, vermittelt dazu ohne jeden Zweifel eine große Motivation. 

Ich möchte dem Grenzecho sowie allen Partnern dafür danken, dass sie diese Initiative über Jahre aufrecht erhalten und immer wieder neu beleben. Allen, die heute nominiert waren oder zu den Siegern gehören, spreche ich, im Namen der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft, einen herzlichen Glückwunsch aus. 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!