Reden

Festrede von Karl-Heinz Lambertz anlässlich des Festaktes „20 Jahre Euroregion Erzgebirge/Krušnohoří“


Festrede von Karl-Heinz Lambertz, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und Präsident der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen, zum Thema: Die Grenzregionen als Laboratorium und Motor der europäischen Integration“anlässlich des Festaktes „20 Jahre Euroregion Erzgebirge/Krušnohoří“.

05/09/2012

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Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
meine sehr geehrten Damen und Herren aus dieser wunderbaren Grenzregion im Erzgebirge,
Lieber Herr Landrat,
Liebe Frau Geschäftsführerin,

Ich persönlich interessiere mich sehr für europäische Grenzregionen, da ich selbst aus einer solchen stamme, die in vielfältiger Weise Gemeinsamkeiten mit der ihrigen hat.  So grenzen auch in meiner Heimat Regionen aneinander,  in denen man unterschiedliche Sprachen spricht, nämlich Niederländisch, Deutsch, Französisch und Luxemburgisch.   Die Grenzen, die die Euregio Maas-Rhein, aus der ich stamme, durchqueren, haben insbesondere durch den Versailler Vertrag historisch äußerst schwierige Zeiten hinter sich.  So erinnere ich bei Reden über Grenzregionen immer gerne an meinen Großvater, einen sehr bodenständigen Landwirten, der viermal in seinem Leben die Staatszugehörigkeit geändert hat: Er wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Deutscher geboren, wurde dann aufgrund des Versailler Vertrages Belgier, nach der Annektierung meines Heimatgebietes an Deutschland 1940 wieder Deutscher und danach, nach Ende des Zweiten Weltkrieges, wieder Belgier und das, ohne jemals sein Heimatdorf weiter als 10-15 Kilometer verlassen zu haben. Solche Schicksale gibt es überall in Europa, da wo Grenzen Menschen trennen und irgendwann wieder zusammenbringen.  Genau das feiern Sie heute hier in Ihrer Grenzregion Erzgebirge/Krušnohoří.

Für die Weltgeschichte sind 20 Jahre ein Wimpernschlag, für eine Partnerschaft sind 20 Jahre jedoch eine sehr lange Zeit – das gilt für das private Leben übrigens genauso wie für Gebietskörperschaften, die kooperieren. Eine 20-jährige Partnerschaft beweist, dass es einen Zusammenhalt auch in schwierigen und weniger guten Zeiten gibt. Seit 20 Jahren leben Sie jetzt hier in einer Euroregion zusammen und betreiben grenzüberschreitende Zusammenarbeit an einer Grenze, an der die Geschichte viele Spuren hinterlassen hat: einst war es der „Eiserne Vorhang“, seitdem sind auf der einen Seite dieser Grenze zwei Staaten zusammengewachsen und auf der anderen Seite hat sich ein anderer in zwei Staaten aufgeteilt – und das alles friedlich!

Das wohl größte und wertvollste Geschenk, der Frieden, reicht heutzutage alleine nicht mehr aus, um junge Menschen für Europa zu begeistern, da Frieden für viele, die den Krieg nie erlebt haben, eine Selbstverständlichkeit geworden ist. Wir sollten aber auch nie vergessen, dass dies ganz wesentlich dem Prozess der europäischen Integration zu verdanken ist. Das, was an Grenzen geschieht, ist selten – ja, ich würde sogar meinen – fast nie banal. Besonders anschaulich erlebt man das, wenn man im Rahmen einer Organisation wie der Arbeitsgemeinschaft der Europäischer Grenzregionen (AGEG) zusammenarbeitet und dort mitbekommt, wie Vertreter, Mitarbeiter, Verantwortliche, aus über 100 europäischen Grenzregionen gemeinsam darüber nachdenken, wie sie ihre Arbeit gestalten, weiterentwickeln, und wie sie ihre Interessen vertreten können.  Am Beispiel der Jahreshauptversammlung der AGEG an der irisch-nordirischen Grenze war beispielsweise sehr beeindruckend zu erleben, wie diese Menschen trotz der schwierigen Lage zusammenarbeiten konnten. Auch bei der vorherigen Hauptversammlung im russischen Kursk war ich zutiefst beeindruckt von dem unermüdlichen Willen der Menschen aus der russischen Region Kursk einerseits und der ukrainischen Region Sumi andererseits zu kooperieren – und dies trotz aller Probleme, die es zwischen ihren Staaten gab, gibt und wohl auch noch geben wird. 

Es gibt viele Fachbegriffe für europäische Kooperationsverbunde wie die Euregio Maas-Rhein oder die Euregion Erzgebirge, wie beispielsweise „Eurodistrikt“ oder „Grenzüberschreitende polyzentrische Metropolregion“. Im Grunde geht es aber immer wieder um dasselbe, nämlich darum, dass das gemeinsame vernünftige Regieren und Verwalten gerade in Grenzregionen und bei grenzüberschreitender Zusammenarbeit ganz besondere Anforderungen stellt und keineswegs einfach ist. Dabei werden einem vor allem Durchhaltevermögen und eine gehörige Portion an Ausdauer abverlangt

Sie haben für Ihr Jubiläum, für Ihre Veranstaltung hier, den „1. Juni“ gewählt. Der 1. Juni hat zufällig in vielfältiger Weise einen interessanten Bezug zu dem heutigen Anlass.

Am 1. Juni 1990, vor 22 Jahren, beschlossen Generalsekretär Gorbatschow und der amerikanische Präsident Bush bei Gesprächen im Weißen Haus, dass das wiedervereinigte Deutschland seine Bündniszugehörigkeit selbst bestimmen durfte, was damals eine keineswegs selbstverständliche Entscheidung war. Ebenfalls am 1. Juni 1990, am selben Tag, wurde festgehalten, dass „Karl-Marx-Stadt“ wieder „Chemnitz“ heißt, nachdem 76% der Bevölkerung sich für den alten Namen ausgesprochen hatten. Vor 14 Jahren, am 1. Juni 1998, wurde die Europäische Zentralbank als Rechtsnachfolgerin des Europäischen Währungsinstitutes gegründet. Es ist allgemein bekannt, welch komplexe Aufgabe diese Europäische Zentralbank in der augenblicklichen internationalen Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise in Sachen Euro zu spielen hat. Und, um auch ein negatives Ereignissen aufzugreifen, am 1. Juni 2005  lehnten  die Wählerinnen und Wähler des Königreichs der Niederlande in einem Referendum den Verfassungsvertrag ab. Dies  sind Ereignisse, die von großer historischer Bedeutung für den augenblicklichen Zustand in Europa sind. Will man noch etwas weiter in die Geschichte zurückblicken,  wird es schon etwas komplexer und man könnte in diesem Rahmen vom 1. Juni 1932 reden. Das ist der Tag, an dem Franz von Papen zum Reichskanzler des Deutschen Reiches ernannt wurde. Von Papen war es, der damals im Januar 1933 insgeheim mit Hitler die Beteiligung der NSDAP an der Reichsregierung beschlossen hatte und der fest davon überzeugt war, dass man Hitler damit unter Kontrolle halten könne. So soll er damals gesagt haben: „In zwei Monaten haben wir den in die Ecke gedrückt, dass er quietscht“.  Das war eine folgenschwere Fehlentscheidung. Letztgenanntes Datum ist gerade heute von entscheidender Wichtigkeit, da es ein großes Stück der europäischen Grenzprobleme erklärt. Ein großer Teil dieser Grenzprobleme resultiert zwar aus dem Versailler Vertrag und den Pariser Vorortverträgen im Anschluss an den Ersten Weltkrieg; sie sind jedoch auch entscheidend geprägt von den Ereignissen um den Zweiten Weltkrieg. Diese Situation hat gerade auch in Ihrer Grenzregion nachhaltige Konsequenzen gehabt.

Grenzen sind eine sehr komplexe, eine ambivalente, aber auf jeden Fall eine allgegenwärtige Angelegenheit. Wir stoßen sowohl in unserem Alltag als auch in jeder Disziplin – sei es die  Psychologie, die Geographie, die Mathematik, die Philosophie oder die Rechtswissenschaften – auf Grenzfragen. Im Grunde genommen kommt es beim Umgang mit Grenzen auf drei Dinge an: Zuerst muss man diese Grenzen erkennen. Derjenige, der seine eigenen Grenzen nicht kennt, stößt irgendwann auf richtig große Probleme. Dann muss man diese Grenzen auch anerkennen bzw. akzeptieren, gerade das ist eine der wesentlichen Geschäftsgrundlagen des Friedens in Europa. Letztendlich folgt die dritte, die wohl spannendste, aber auch schwierigste Herausforderung, wenn ich Grenzen erkannt und anerkannt habe: die Überwindung der Grenzen. Nur durch das Überwinden von Grenzen entsteht Fortschritt. Man muss beim Überwinden der Grenzen immer wissen, wie weit man darüber hinaus gehen kann, sonst könnte man – um es auf das Individuum zu beziehen – irgendwann therapeutische Betreuung bedürfen oder – um es auf Gebietskörperschaften zu beziehen – dringend eine Armee nötig haben.

Der Umgang mit Grenzen ist ein topaktuelles Thema, mit dem sich europaweit sehr viele Wissenschaftler, Arbeitsgruppen, Universitäten, usw. beschäftigen.  Die Universität Straßburg macht etwa gemeinsam mit dem Euro-Institut in Kehl/BRD ein interessantes europäisches Netzwerk auf, wo sich Wissenschaftler aus allen Grenzregionen Europas mit diesem Thema beschäftigen.

Wenn wir grenzüberschreitende Zusammenarbeit betreiben hat das durchaus universellen Wert.  Dennoch haben wir alle zu Recht den Eindruck, dass man sich in Grenzregionen immer etwas marginal am Rande von dem befindet, was im Zentrum stattfindet. Aus der jeweiligen Hauptstadt betrachtet, ob es jetzt die Bundes- oder die Landeshauptstadt ist, ist das, was an den Grenzen geschieht, nie die erste Priorität.  Für die dortigen Verantwortlichen ist es eher etwas Lästiges, wenn die Grenzler ins Zentrum pilgern und ihre spezifischen Grenzprobleme noch zusätzlich zu den aktuellen Problemen darbringen.  Das geschieht immer und überall, außer in so ganz kleinen Grenzregionen mit Gesetzgebungshoheit wie der meinen.  Ich bin der Ministerpräsident eines belgischen Bundeslandes von etwa 77.000 Menschen und 854 km² Grundfläche. Da ist jedes Problem, von morgens bis abends, immer ein Grenzproblem. Das hat wiederum etwas ganz Besonders.

Wenn man sich mit dem Thema global beschäftigt, stellt man jedoch fest, dass Grenzregionen doch nicht so marginal sind. Wenn wir uns die Bevölkerung und die Fläche der erweiterten Europäischen Union mit ihren 27 Mitgliedstaaten anschauen, stellen wir fest, dass 30% des Territoriums der EU als Grenzregionen bezeichnet werden könnte. So leben entsprechend der kartographischen Einteilung „NUTS3“ beispielsweise 32% der europäischen Bevölkerung in diesen Grenzregionen.  Wenn sich diese Menschen alle als vernetzt und von gemeinsamen Interessen beseelt betrachten, ist das mehr als eine homöopathische Größenordnung im Zusammenspiel der europäischen Bevölkerung.

Das Wichtigste ist jedoch die Kooperation zwischen Grenzgebieten. Wenn Kooperation besteht, wenn Grenzen durchlässig werden, wenn grenzüberschreitende Zusammenarbeit Erfolg hat, entsteht ein wichtiger Paradigmenwechsel. Dann stehen sich Menschen, die Jahre, Jahrzehnte und oft gar Jahrhunderte Rücken an Rücken gelebt haben – weil ihr Blick auf ihre jeweilige Hauptstadt gerichtet war – plötzlich von Angesicht zu Angesicht gegenüber.   So entsteht eine völlig neue Situation: Hierdurch erlangen Randgebiete eine strategische, zentraler Bedeutung.  Wenn man sich dieses Phänomen europaweit insgesamt auf einer Karte vorstellt, sieht man, dass in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit durch diesen Paradigmenwechsel ein starker Schub für europäische Integration entstehen kann. An diesen Grenzen, an diesen Nahtstellen Europas, die oft tiefe Wunden der Vergangenheit sind, entscheidet sich letztlich, wie stark der Zusammenhalt ist. Wenn Sie ein großes Stück aus mehreren Einzelteilen zusammenschweißen, dann hält das nur so gut zusammen, wie die schlechteste Stelle der Schweißnähte. Gleiches gilt, wenn man das Wagnis der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit eingeht.

Wie Sie in der Euroregion Erzgebirge nach 2 Jahrzehnten Erfahrung sicherlich bestens wissen, kann man bei der grenzüberschreitenden Kooperation verschiedene Handlungsebenen unterscheiden. Zuerst wird Begegnung stattfinden; Informationen werden ausgebaut; Versuche zur Koordination werden unternommen usw. Wenn das einigermaßen klappt, kann man die ersten Schritte zur Planung und zur strategischen Entwicklung von gemeinsamen Aktionen machen.  Irgendwann wird man so weit sein, dass man gemeinsam etwas entscheiden kann. Der entscheidende Test ist dann, ob man das, was man beschlossen hat, in die Tat umsetzen kann, damit es für die Menschen fassbar, erlebbar wird und den Mehrwert grenzüberschreitender Zusammenarbeit deutlich macht.

Bei all diesen Tätigkeiten gibt es eine Menge von schwierigen, vielfältigen Herausforderungen. Da gibt es Wissens-, Verständigungs-, Kommunikations-, Äquivalenz-, Strukturierungs-, und Messbarkeitsprobleme, weil eben die die verschiedenen statistischen Instrumente der Partner nicht zusammen passen.  Es gibt immer wieder auch ein riesiges Nachhaltigkeitsproblem, da eine begonnene Zusammenarbeit meistens mit den Menschen lebt, die die Pionier- und Folgearbeit geleistet haben und sie muss immer wieder auf die eine oder andere Weise neu erfunden und neu in Angriff genommen werden. All das gehört zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.  Diese ist so vielfältig wie die Grenzregionen überhaupt. Man kann Vieles vergleichen, aber nichts wird hundertprozentig identisch sein. Noch mehr muss gewarnt werden vor dem Versuch, sich irgendwo etwas auszusuchen und das 1:1 in das eigene System zu übertragen. Dieser Versuch wird notwendigerweise zum Scheitern verurteilt sein. Anstatt die Lösungen zu gleichen Problemen zu übernehmen, sollte der Austausch über die Art und Weise, an die Probleme heranzugehen, in den Vordergrund rücken.  Man sollte versuchen, von den positiven und auch negativen Erfahrungen anderer einiges zu lernen, um bei sich selbst schneller und besser voranzukommen.

Man kann bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit drei Generationen unterscheiden, wobei jede Generation ihre eigene Gesetzmäßigkeit hat:

Die erste Generation ist die der Pioniere, die die Grenzen abbauen. Ob es Schlagbäume sind, die entfernt werden, Stacheldraht und Minenfelder, ob es Grenzkontrollen sind oder ob es Tunnels und Brücken sind, die gebaut werden müssen, um zueinander zu finden. Dies ist die erste Generation der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.  In diesem Stadium werden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass man wirklich zueinander kommen kann. Es handelt sich um die Etappe, die wohl am meisten öffentliches Aufsehen, Begeisterung und Interesse erregt, wie ich es selbst an einigen Stellen 2004 bei der Osterweiterung der EU erlebt habe.  Ich war wirklich  beeindruckt, wie Menschen sich über kleinere Hemmnisbeseitigungen freuten, weil sie daran jahrzehntelang gelitten hatten.

Wenn das geschehen ist, tritt eine zweite Generation in Aktion, die bedeutend weniger angenehme Aufgaben zu bewältigen hat. Wenn Grenzen verschwinden, entsteht mehr Mobilität. Erfolgreich ist man dann, wenn sich möglichst viele Menschen über die Grenzen hinweg bewegen.  Indem sie das tun, begeben sie sich jeweils in einen anderen Rechtsraum, in einen anderen Kulturraum, in eine fremde Region, selbst wenn das die Nachbarn sind. Dadurch entsteht eine Menge von Kompatibilitätsproblemen.  Je erfolgreicher die erste Generation der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit war, desto zahlreicher sind die kniffligen Probleme, die man dann lösen muss, um die Folgen dieser Inkompatibilitäten zu beseitigen.  Hierbei können wir von Europa lernen, wie wir die Vorgänge harmonisieren können. Ich persönlich bin sehr dezidiert der Meinung, dass man nicht alles harmonisieren soll, aber man braucht durchaus für alles die richtigen Kompatibilitätslösungen.  Die Hauptaufgabe der zweiten Generation ist es daher sich intensiv mit den Differenzen zwischen Verwaltungsordnungen, Rechtsordnungen und kulturellen Gewohnheiten auseinanderzusetzen. Diese zweite Generation hat die höchsten Hürden zu überwinden, da jedes gelöste Problem zu mehr Mobilität führt, was wiederum neue Probleme mit sich bringt.

Irgendwann kommt die dritte Generation. Die entsteht an gewissen Stellen in Europa mittlerweile und die ist dann vorhanden, wenn der Austausch so intensiv geworden ist, dass man von einem grenzüberschreitenden Verflechtungsraum reden kann.  Dann genügt es nicht mehr, die Aufgaben Fall für Fall per Kompatibilitätslösung zu bewältigen. Dann muss man einen Schritt weitergehen und gemeinsam umfangreichere Projekte aufbauen, die von Beginn an grenzüberschreitend konzipiert und umgesetzt werden. Das kann im Gesundheits- und Bildungswesen, bei der Raumordnung, beim öffentlichen Personennahverkehr und auf unzählig vielen Gebieten der Fall sein. Vorgehensweise und Erfolg hängen wiederum davon ab, welche Siedlungsstruktur diese Grenzregion aufweist. Die große Herausforderung in solchen Verflechtungsgebieten ist es, Entscheidungsbefugnisse gemeinsam wahrzunehmen. Dabei entsteht eine Menge an komplexen, juristischen Fragen, für die das europäische Recht Lösungsansätze bietet, die aber alle noch bis heute nicht vollends zufriedenstellend sind. Hierzu zählen sowohl die Rechtsordnung der Europäischen Union mit dem EVTZ als auch jene des Europarates mit dem Rahmenabkommen über die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Gebietskörperschaften und seinen Zusatzprotokollen.

All das macht letztlich das Leben in einer Grenzregion aus. Man kann Vieles einfacher und schneller hinbekommen, wenn man sich umschaut. Das ist das Spannende an der Arbeit innerhalb der AGEG, an der die Euroregion Erzgebirge auch beteiligt s ist.  Wenn man sieht, wie ähnliche Probleme anderswo angegangen werden, dann kommt man schon von jeder Versammlung mit neuen, interessanten Ideen heraus oder zumindest mit der psychologisch beruhenden Gewissheit, dass man nicht alleine mit seinen Problemen ist. Die Voraussetzungen für erfolgreiche grenzüberschreitende Zusammenarbeit lassen sich aus der Beobachtung dessen, was überall in den europäischen Grenzregionen geschieht, relativ leicht ableiten.  Folgende Aussage umschreibt die nötigen Voraussetzungen treffend: Grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist dann erfolgreich, wenn man grenzüberschreitend zusammenarbeiten „darf“, „will“ und „kann“: Wenn wir erfolgreich im grenzüberschreitenden Bereich tätig sein wollen, müssen wir das zuerst „dürfen“. Das ist heute glücklicherweise an vielen Stellen selbstverständlich. Dennoch habe ich in der Vergangenheit viele Situationen gekannt, wo die Hauptstädte der jeweiligen Staaten misstrauisch auf das schauen, was da an ihrer Grenze geschieht, nachdem Mitarbeiter und Verantwortliche aus beiden Ländern etwas gemeinsam beschließen, was die Behörden in der Hauptstadt nicht erfunden haben und kontrollieren können. Dies kann in gewissen Gegenden sehr schwierig sein, wie ich es beispielsweise mit dem Europarat an einer Tagung in der Grenzregion um das ukrainische Chernihiv an der Grenze zu Russland und Weißrussland erlebt habe. Dort war es besonders von der weißrussischen Seite aus alles andere als evident, sich überhaupt treffen zu dürfen.

Dann muss man zusammen arbeiten „wollen“, was komplizierter ist als es sich anhört. Aus politischen Gründen wird sich natürlich kein Politiker aus einer Grenzregion jemals öffentlich gegen eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit aussprechen. Wenn man bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit seinen Worten auch Taten folgen lassen will, dann muss man sich jedoch dessen bewusst sein, dass das für die Menschen oft gar nicht so selbstverständlich ist. Wenn Sie beispielsweise bei der Tourismuswerbung grenzüberschreitend zusammenarbeiten möchten und in diesem Rahmen eine gemeinsame Buchungszentrale aufbauen möchten, oder wenn Sie gemeinsam Akquise von Investoren machen und dann beschließen müssen, wie die Mittel konkret aufgeteilt werden, dann ist es durchaus möglich, dass Sie auf Probleme aus der eigenen Bevölkerung stoßen. Es gibt genügend Beispiele von Politikern, die sich durch eine blauäugige Herangehensweise ihr eigenes Grab geschaufelt haben, weil bei den Bürgern der Eindruck entstand, er entferne sich immer mehr von seinem eigentlichen Aufgabenbereich. Dieses Szenario muss auf dem Weg zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit dringend beachtet und verhindert werden, indem man die Bevölkerung mitnimmt und einbindet, sodass sie den Mehrwert des Gemeinsamen erkennt, auch wenn dieser nicht immer auf den ersten Blick ins Auge fällt. Das ist eine durchaus schwierige Aufgabe.

Wenn man letztendlich grenzüberschreitend zusammenarbeiten darf und will, dann muss man es auch noch „können“. Das ist mitunter sehr schwierig, gerade an Grenzen, die etwas komplexer sind, wie Ihre oder wie meine zu Hause. Ich rede hier beispielsweise von Grenzregionen, in denen historische Belastungen bestehen, verschiedene Sprachen gesprochen werden, die man nicht ohne eine große Anstrengung erlernen kann, und wo sich verschiedene Mentalitäten begegnen, die den Ablauf vieler Vorgänge entscheidend beeinflussen.  Bei all diesen Herausforderungen kommt es letztlich auf die „interkulturelle Kommunikationskompetenz“ an. Zu diesem Begriff habe ich einmal in einer Firmenzeitung des großen Konzerns EADS die folgende Definition gefunden: „Interkulturelle Kommunikationskompetenz ist mehr als ein Fremdsprachenkurs oder eine Fettnäpfchenlehre für Fortgeschrittene“. Das bringt meine persönliche Sicht der Dinge sehr schön auf den Punkt: Einerseits geht es darum, die Sprache des Nachbarn zu lernen, was bereits eine große Anstrengungsbereitschaft voraussetzt. Andererseits geht es jedoch auch darum, die Denk- und Verhaltensweise des Nachbarn fast genauso gut zu kennen wie er selbst.  Auch wenn sich heutzutage fast jeder in einem mehr oder weniger guten Englisch ausdrücken kann, so sollte man niemals den Fehler machen, die Anstrengung des Erlernens der Sprache des Nachbarn durch ein mittelmäßiges Europa-Englisch zu ersetzen.  Das Geheimnis für erfolgreiche grenzüberschreitende Zusammenarbeit kann man kurz und prägnant mit folgenden drei „P“ zusammenfassen: Man muss projektorientiert arbeiten; von Pioniergeist beseelt und vor allem pragmatisch sein.

Letztendlich sei gesagt, dass es  keinen besseren Testraum für europäische Integration gibt als die Grenzregionen, da dieser Integration nirgendwo anders eine solch große Wichtigkeit zugeteilt wird.  Gerade in Zeiten der Krise, wo Europa mittlerweile für viele Menschen nicht mehr die große Hoffnung auf Frieden und besseres Leben ist, sondern eine Gefährdung darstellt,  könnten die Grenzregionen als gutes Beispiel vorangehen und ihre Überzeugung,  ihre Begeisterung und auch ihren Schwung an Europa weitergeben Diese Attribute sind unabdingbar, um die notwendige europäische Integration in den nächsten Jahren und Jahrzehnten fortzusetzen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

recht herzlichen Dank für Ihr sehr aufmerksames Zuhören. Ich wünsche Ihnen im Namen der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen (AGEG), im Namen der Verantwortlichen in meiner Region und natürlich in meinem eigenen Namen viel Erfolg für die weitere Arbeit.