Reden

Übereichung des „Großen Goldenen Ehrenzeichens mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich“ an Karl-Heinz Lambertz


Übereichung des „Großen Goldenen Ehrenzeichens mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich“ an Karl-Heinz Lambertz, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens.

28/06/2012

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Exzellenz, lieber Herr Dr. Schramek,
Sehr geehrter Herr Parlamentspräsident,
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Meine sehr geehrten Damen und Herren Parlamentarier,
Sehr geehrter Herr Kommissar der Königin (der Einzige, der sich auch Gouverneur in den Niederlanden nennen darf),
Meine Herren Bürgermeister,
Sehr geehrte Frau Prokuratorin des Königs,
Sehr geehrter Herr Honorarkonsul,
Sehr geehrte Herren Honorarkonsule,
Meine sehr verehrten Damen und Herren,

erlauben Sie mir, mich zuallererst beim Präsidenten der Republik Österreich für diese hohe Auszeichnung zu bedanken. Es ist das zweite Geschenk, das ich von ihm bekomme.  Das erste wurde organisiert, das zweite hat er mir freiwillig gegeben.  Ich bin ihm außerordentlich dankbar.  Ich möchte den Gästen nicht vorenthalten, was das erste war: Die Winzer aus dem Burgerland produzieren zu jeder Wahl des österreichischen Staatspräsidenten einen ganz besonderen Wein, der den Namen „Präsident“ trägt und eigentlich niemand anders bekommen darf als der Präsident.  Es ist mir bisher gelungen – am österreichischen Protokoll vorbei – zweimal je zwei Flaschen zu organisieren. Ich hoffe, dass man mir das nachsieht.  Auf jeden Fall habe ich mich bei Herrn Fischer persönlich dafür entschuldigt und natürlich auch bedankt.

Was sind so die Gefühle, wenn man einen so ehrenvollen Orden verliehen bekommt?  Ich muss ehrlich sagen, es ist richtige Freude – vielleicht auch ein bisschen Stolz und ansatzweise Euphorie. Nach den ersten Überlegungen kommen einige kleine Zweifel:  Warum hat man eigentlich den Orden bekommen? – Sind die Verdienste, die zitiert werden, wirklich so bedeutend, wie sie sich anhören? – Oder ist es nicht einfach das Alter, die Dauer, das Überdauern in einem Amt, die die Chancen eine solche Auszeichnung zu erhalten, erheblich erhöhen? 

Es geht meistens um effektive oder vermeintliche Verdienste aus der Vergangenheit. Es zwingt sich logischerweise die Erkenntnis auf: Orden gibt man mit ganz großer Gewissheit nur Menschen, deren politische Erfahrung auf jeden Fall länger ist als deren politische Lebenserwartung. Dann bekommt das Ganze mehr Gleichgewicht. 

Freude und Dankbarkeit empfinde ich heute ganz sicherlich.  Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass diese Auszeichnung nicht nur meiner Person, sondern dem Amt des Ministers bzw. des Ministerpräsidenten gilt, das ich bekleide und in dem ich jetzt seit nun fast 22 Jahren der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) dienen darf.  Wenn es auch dem Amt gilt, hat es auch in einer gewissen Form eine stellvertretende Wirkung für das Wirken all derer, die sich hier in unserer Heimat um die Beziehungen mit der Republik Österreich und seinen Bundesländern, Gemeinden und Gebietskörperschaften verdient gemacht haben.

Zwischen der DG Belgiens und der Republik Österreichs bestehen vielfältige, sehr umfangreiche Beziehungen.  Alleine diese alle aufzuzählen, würde die Redezeit überziehen. Erlauben Sie mir, auf einige traditionsreichen Initiativen hinzuweisen, wie das „Eupener Tirolerfest“ um die Gruppe L.O.V.O.S. und auf die „Bütgenbacher Alpentage“ sowie auf die vielen sportlichen, musikalischen und gesellschaftlichen Verbindungen, die zwischen Vereinigungen hierzulande und in Österreich beziehen. Auch sind die zahlreichen fachlichen Partnerschaften erwähnenswert, die in den letzten Jahren entstanden sind und aus denen, neben enger beruflicher Zusammenarbeit, für viele richtige Freundschaft geworden ist.   Darauf werde ich nachher noch etwas näher eingehen. All das ist mit dieser Ordensverleihung verbunden.  All das gehört sicherlich mit dazu, wenn einige Gedanken zum Verhältnis DG und Republik Österreich vorgetragen werden sollten.  Diese Beziehungen haben eine lange Geschichte – eine wechselvolle Geschichte – auch eine inhaltsvolle Geschichte, durch deren Brille sich durchaus sinnvoll in die Zukunft blicken lässt. 

Dabei ist das heutige Datum fast schon schicksalhaft: Der 28. Juni. Damit keine falschen Eindrücke entstehen – gemeint ist nicht der 28. Juni 2012. Nein, da müssen wir schon 493 Jahre zurück in die Vergangenheit schauen und uns mit dem 28. Juni 1519 beschäftigen, um den Dingen auf die Spur zu kommen. An diesem Tag wurde der Spanische König Karl der I. zum Römisch-Deutschen König Karl der V. durch die Kurfürsten gewählt.  Das war keine belanglose Geschichte für die weitere Entwicklung Europas und auch unserer Heimat. 

Karl der V. erbte die spanischen Besitztümer mütterlicherseits und die deutsche Kaiserkrone sowie den österreichischen Thron väterlicherseits.  Ebenfalls väterlicherseits erbte er die von den Burgundern geeinten Gebiete der Niederlande, zu denen das heutige Belgien damals weitgehend gehörte.  Karl der V. wurde in Flandern geboren und verbrachte dort seine Kindheit.  Er erweiterte die Gebiete der Niederlande und erklärte sie für „unteilbar“ – meinte er zumindest – und spaltete sie somit vom Heiligen Reich Deutscher Nation ab, indem er sich zum unmittelbaren Herrscher über die Niederlande erklärte. 

Die gemeinsame Geschichte von Österreich und der heutigen DG ist jedoch damit vorerst schon fast beendet, zumindest unterbrochen. Denn 1556 verzichtet Karl der V. zugunsten seines Sohnes Philippe des II auf den Spanischen Thron und zugunsten seines Bruders Ferdinand des I. auf die Kaiserbürde. Die Niederlanden wurden dann Spanien zugeschlagen… was man damals alles innerhalb der Familie klären konnte, ist schon sehr beeindruckend. 

Am Ende des Spanischen Erbfolgekrieges im Jahre 1714 werden die Spanischen Niederlanden – damit auch wiederum ein Großteil unserer Heimat – wieder zu den Österreichischen Niederlanden übertragen.  Das ist die Zeit von Maria Theresia und von Josef dem II. die hier jeder kennt.   Gerade Maria Theresia ist hierzulande untrennbar verbunden mit dem bis in die Jahrtausendwende hineinragenden Streit um Waldungen, die sie damals den Einwohnern von Ortschaften geschenkt hatte und wo sich Generationen von Juristen für ihr Einkommen sehr erfolgreich darüber gestritten haben, ob diese Waldungen nun den Ortschaften oder den Gemeinden gehören.  Irgendwann ist der Streit durch einen Vergleich bereinigt worden, mit dem der Vater einer meiner Kollegen zu tun hatte.

Dann kommen die Französischen Revolutionstruppen und beenden die Geschichte der Österreichischen Niederlanden nach weniger als einem Jahrhundert. 

Der Wiener Kongress trennt das Schicksal der heutigen DG-Gemeinden von jenen der Niederlande.  Als Verdienste für den Rückschlag Napoleonischer Truppen erhält Preußen erstmals Gebiete westlich des Rheins, zu denen auch wiederum große Teile unserer Heimat gehören.  Und  51 Jahre danach, 1866, geht es nach Wien, zum Wiener Kongress. Dann wird es für unsere Geschichte sehr konkret. Damals wird Preußen aktiv, kämpft sogar gegen Österreich – auch Männer dieser Region haben gegen Österreich gekämpft. Davon zeugt heute noch so mancher Name von gefallenen Eupenern auf dem Denkmal, das wir hier unweit dieses Platzes, auf dem Werthplatz, bewundern können.

Das Schicksal schlägt im Jahre 1919 ein weiteres Mal zu,  als der Versailler Friedensvertrag unterschrieben wird und unsere Heimat von Deutschland zu Belgien kommt. Auch für Österreich sind das Jahr 1919 und die Pariser Vorortsverträge von einschneidender Bedeutung. Damals endete die Geschichte der Doppelmonarchie.  Beide Ereignisse (die Pariser Vorortsverträge für Österreich und Ungarn und der Versailler Vertrag für die DG Belgiens) sind heute noch – fast ein Jahrhundert danach – von prägender Bedeutung.  Das haben wir noch vor nicht all zu langer Zeit, zum 90jährigen, anlässlich eines bedeutenden Kongresses in St. Vith gemeinsam mit dem Goethe-Institut eindrucksvoll untersuchen können.  Das hat mittlerweile in einer sehr wichtigen Publikation gestanden.   Doch lassen wir hier einmal die Geschichte Geschichte sein – für heute zumindest. Erlauben Sie mir, darauf hinzuweisen, dass wir bedeutende Elemente, gerade dieser geschichtlichen Periode in einem sehr umfangreichen, wohl über ein Jahrzehnt ragendes Geschichtsprojekt untersuchen.  Ich freue mich jetzt schon auf die Ergebnisse dieser wertvollen Geschichtsarbeit, die wir als eines der Projekte in unserem Regionalen Entwicklungskonzept (REK) uns vorgenommen haben. Doch kommen wir nun zurück in die Gegenwart. 

Wie sehen die Beziehungen zwischen der Republik Österreich und der DG Belgiens heute aus?  Wir sitzen gemeinsam in einem „europäischen Haus“.  Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, als Österreich der Europäischen Union beigetreten war und daran, mit wie viel Hoffnung und Enthusiasmus das verbunden war, genau so wie die EU-Erweiterung übrigens einige Jahre danach, als sie auf die osteuropäischen Staaten ausgedehnt wurde.  Das sieht heute alles etwas anders aus.  Während wir hier feiern, tagt in Brüssel der Europäische Rat.  Ich komme gerade von einer Sitzung, die im Vorfeld dieses Europäischen Rates stattgefunden hat, an der ich als Fraktionsvorsitzender im Ausschuss der Regionen teilnehmen durfte.  Ich muss Ihnen sagen, heute wird es in Brüssel genauso wenig wie morgen und übermorgen in Sachen Europa mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht allzu viel zu feiern geben.  Europa durchläuft die schwerste Krise seiner Geschichte.  Zum ersten Mal ist Europa für die Menschen vielfach nicht mit der Hoffnung besserer Lebensbedingungen, sondern mit der Angst über die Zukunft verbunden.  Dennoch – davon bin ich zutiefst überzeugt und das sage ich immer wieder, wenn ich die Gelegenheit habe – gibt es zur weiteren Vertiefung der europäischen Integration, nach meiner tiefen Überzeugung, keine wünschenswerte Alternative. Deshalb müssen wir in diesem Europa weiter zusammenarbeiten. Da haben auch wir – die DG als eine Gebietskörperschaft im Rang einer Region mit Gesetzgebungshoheit – ganz konkrete und bedeutende Anstrengungen zu leisten. Diese sind nicht direkt proportional zu unserer flächen- oder bevölkerungsmäßigen Größe, nein, das ist eine gemeinsame notwendige Anstrengung aller Regionen in Europa.  Ich habe es heute noch sehr deutlich gesagt: Wenn man einen neuen Schub für Europa entwickeln will, muss das bei den Menschen vor Ort, in den Gebietskörperschaften, ankommen. Vielleicht sollte man ausgehend von den Gebietskörperschaften sogar europäische Initiativen starten, die die EU-Bürger als einen wirklichen Mehrwert empfinden können.

Was bedeutet das für die DG?  Für uns bedeutet das: Kontakte nach außen pflegen, Netzwerke aufbauen und die Zusammenarbeit fördern. Diese Dinge sind keine überflüssige Randerscheinung unserer Autonomie oder ein „Brimborium“,  wie sie einige Parlamentarier noch vor einigen Tagen im Parlament bezeichneten.  Nein!  Das Gestalten, das Aufbauen, das Suchen nach Kontakten und Beziehungen ist lebenswichtig für die DG, auch für viele anderen, aber für die DG ganz besonders, weil nämlich die Notwendigkeit zusammenzuarbeiten direkt proportional zur Kleinheit einer Region ist.  Deshalb ist das Gestalten von Kontakten nach außen, das Aufbauen von Netzwerken und das Zustandebringen und Pflegen von Partnerschaften neben dem Gewährleisten von Dienstleistungen und dem Gestalten von Infrastrukturen eine der drei grundsätzlichen Säulen unserer Gemeinschaftstätigkeiten.

Die DG hat also – wenn sie bereit, gewillt und in der Lage ist – Chancen, mit mehreren Partnern im europäischen Ausland zusammenzuarbeiten.  Mit den Menschen in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich, in der Schweiz und Südtirol verbinden uns sprachliche Gemeinsamkeiten, die nicht alles ausmachen, aber die natürlich eine ganz besonders große Tür zum Gestalten von Kontakten und zum Zustandebringen von Zusammenarbeit öffnen.  Das ist etwas, was wir als DG systematisch machen sollten.

Deshalb freue ich mich auch, dass die beiden wichtigsten Partner-Staaten, die Bundesrepublik Deutschland und die Republik Österreich, beschlossen haben, entgegen der üblichen Art und Weise, eigene Honorarkonsulate für das Gebiet deutscher Sprache einzurichten.  Das ist ein starkes, politisches Zeichen und eine im Alltag sehr wertvolle Hilfe.

Für die DG ist das Zusammenarbeiten mit Partnern im deutschen Sprachraum Europas darüber hinaus noch etwas, was einen zweiten Mehrwert hat, nämlich den, über die Zwischenstation Ostbelgien, Deutschland und Österreich näher an das gesamte Belgien mit seiner kulturellen und politischen Vielfalt heranzubringen.  Denn es ist kein Geheimnis, dass die Belgier insgesamt mit Deutschland und Österreich bei weitem noch nicht genügend Kontakte haben.  Da können wir schon einiges mit auf die Reihe bringen. Deshalb arbeiten wir so gerne und intensiv mit den Botschaften in Brüssel und mit den verschiedenen Länderbüros der deutschen und österreichischen Länder in Brüssel zusammen. Apropos Länder! Wenn es etwas gibt, was für die DG wichtig ist, dann sind es die Kontakte zu den deutschen und österreichischen Bundesländern.  Das ist eigentlich – um es im feinen Neudeutsch zu sagen – in Sachen Außenbeziehungen unser „Core Business“.  Das ist vor allem ein Terrain, wo noch Handlungsbedarf besteht.  Genau das haben wir uns in den letzten 15 Jahren, wo ich diese Funktion als Verantwortlicher für die Außenbeziehungen hier ausübe, ganz bewusst, systematisch und konsequent und aller Kritik der Opposition zum Trotz, vorgenommen.  Im letzten Teil meiner Rede möchte ich nun einiges über diese wunderbare Vielfalt Österreichs sagen, so wie ich sie in meinem politischen Leben erlebt habe, immer noch erlebe, und hoffe, in Zukunft noch weiter gestalten kann.

Österreich ist für viele Ostbelgier identisch mit Tirol.  Österreich ist natürlich nicht nur Tirol.  Gerade bei der Suche nach Partnerschaften, nach den Best Practices, nach Möglichkeiten, sich inspirieren zu lassen, ist eine kleine gedankliche Reise durch die Republik Österreich, von Westen nach Osten, außerordentlich interessant.  Ich möchte Ihnen einige Beispiele aus meinen persönlichen Erfahrungen erläutern.    

Fangen wir im Vorarlberg an, im zweitkleinsten Land der Republik, und schauen wir, was wir dort gelernt haben.  Ich möchte es hier in aller Deutlichkeit sagen: Ohne die erlebbar gemachte Erfahrung, wie man im österreichischen Vorarlberg öffentliche Gebäude massiv nach dem Standard des Passivhausbaus baut, hätte ich niemals die Verantwortung mit übernommen, hier in Eupen, ein PPP-Projekt in einer Größenordnung von 150 Millionen Euro möglich zu machen und dadurch die Schullandschaft in Eupen und in Ostbelgien auf eine fast schon Kopernikanische Art zu verbessern. 

Mich hat letztlich dieses Erleben und Sehen dessen, was da möglich ist, was da schon seit Jahrzehnten Standard ist, davon überzeugt, ähnliche Projekte anzupacken.  Eine solche Erfahrung ist unbezahlbar. Das ist alleine schon für mich persönlich mehr Wert als alles andere, was man irgendwo lesen oder lernen kann. 

Mit Tirol verbindet uns in der Tat sehr viel, mich persönlich vor allem eine sehr lange und intensive Freundschaft mit dem jetzigen Landtagspräsidenten, Dr. Herwig van Staa, der übrigens kein Sozialdemokrat ist.  Er ist für mich ein wahrhaftes Vorbild, ein Politiker, der als Bürgermeister von Innsbruck, als Landeshauptmann, und jetzt als Landtagspräsident, in unermüdlicher Art und Weise, im Kongress der Regionen beim Europarat, im Ausschuss der Regionen bei der EU, tätig ist und als überzeugter Tiroler mit dafür sorgt, dass in Europa, im kleinen Europa der Europäischen Union und im großen Europa des Europarates die Zusammenarbeit zwischen Regionen gefördert, betrieben und vorangebracht wird.  Ich freue mich, dass wir im Herbst d.J. mit einer Delegation des Parlamentes und der Regierung dort – wie natürlich auch in Südtirol und Liechtenstein – zu Gast sein können.

Von Tirol kann man gerade bei der Tourismusfinanzierung Wunderbares lernen. Den Touristikern, die hier sind, möchte ich sagen, dass die erfolgreiche Arbeit der Tourismusagenturen in Tirol vor allem darauf beruht, dass sie nicht staatlich finanziert sind, sondern von den Tourismusbetreibern selbst finanziert werden.  Da liegen ihre große Stärke und Durchschlagskraft.  Ich weiß nicht, ob das 1:1 übertragbar ist, aber dass es das gibt, dass das möglich kein Hirngespinst ist, das kann man jeden Tag in Tirol und ganz besonders in einer Stadt, mit deren Bürgermeister ich mich ganz besonders angefreundet habe, in Sölden, erleben.

Dann führt uns der Weg ins Salzburger Land, dorthin, wo dank der Arbeit von L.O.V.O.S., vor vielen Jahren, eine immer noch andauernde Partnerschaft in einer Behindertenwerkstatt entstanden ist, wo wirklich in beeindruckender Weise erlebbar ist, was es heißt, solche Beziehungen aufzubauen und aufrecht zu erhalten. 

Das Salzburger Land ist – auch wenn da jeder an Salzburg denkt – im Wesentlichen eine ländliche Region, die eine ihrer Stärken daraus ableitet, dass sie eine sehr innovative Raumordnungsgesetzgebung hat.  Ich habe zuerst meinen Augen nicht getraut, als ich die Texte des Salzburger Raumordnungsgesetzbuches gelesen hatte und habe mir damals gesagt, sobald wir die Zuständigkeiten in Sachen Raumordnung hier vor Ort haben, müssen wir auf jeden Fall uns davon gründlich inspirieren lassen.

Nach Salzburg kommt Oberösterreich, mit dem wir seit vielen Jahren ebenfalls stark verbunden sind. Aus Oberössterreich kommt übrigens, das Weihnachtslicht, das nicht nur nach Brüssel gebracht wird, sondern auch nach Eupen, in den Garnstock.  In Oberösterreich habe ich auch die Konversion einer ehemals sehr durch die Stahlwirtschaft geprägten Stadt wie Linz, in eine moderne Stadt der Kreativität, der Kulturindustrie, erlebt-  und das auf eine Art und Weise, wie ich das anderswo noch nicht gesehen habe.  Dort sind unendlich viele Ideen zu schöpfen, wenn wir aus der DG eine Kulturindustrie-Region machen wollen.

Es folgt Niederösterreich. Dort lebt eines meiner großen politischen Vorbilder, ein Landeshauptmann, der noch viel länger im Amt ist, als ich Ministerpräsident bin, der das mit einer unnachahmbaren Weise macht, die nach meinem Wissensstand nur noch zwei andere Politiker in Europa beherrschen: Das ist der Landeshauptmann von Wien und der von Südtirol. Glauben Sie mir, ich bin mit allen drei schon einmal – mindestens einen Tag lang – unterwegs gewesen. Ich habe da sehr vieles gelernt. Einiges von dem, was ich gelernt habe – trotz meiner nicht gerade sprichwörtlichen Bescheidenheit und Zimperlichkeit – habe ich hier noch nicht anzuwenden gewagt. 

In Niederösterreich inspirieren wir uns auf vielfältiger Art und Weise mit unserem Dorfwettbewerb.  Niederösterreich ist europaweit bekannt geworden durch eine ländliche Erneuerung. Was man alles mit Dörfern machen kann, ist beeindruckend. 

Niederösterreich hat auch – das möchte ich hier nicht verschweigen –ein Regierungsviertel gebaut, das in der Kombination Sanatorium (Sitz des Parlamentes), Ministerium (Sitz der Verwaltung der DG, Klötzerbahn 32 (Regierungssitz) und Gospertstraße 42 (Sitz des Ministerpräsidenten) als eine kleine schmachte Ecke aussehen lässt.  Dort hat man trotz des populistischen Widerstands den Mut gehabt, mit der vernünftigen Unterbringung der eigenen Institutionen, ein Zeichen zu setzen.  Ich werde den Planer dieser Arbeiten, der mittlerweile in ein hohes europäisches Amt befördert worden ist, einmal hier als Gastredner einladen.

Das wirklich Begeisternde in Niederösterreich ist natürlich die Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg.  Da erinnere ich mich noch gerne an einen Besuch –  ich glaube, der Partner von damals ist heute auch hier, Herr August Kohl – in die Euregio mit dem wunderbaren Namen „Weinviertel-Südmähren-Westslowakei“ in Poysdorf.  In Poysdorf habe ich eine Regel kennengelernt, die ich jeder hiesigen Gemeinde nur empfehlen könnte, wenn wir auch ein Weingebiet wären. Dort gilt eine Gemeindeordnung, die besagt, dass immer im Sommer, in jeder Woche, an jedem Tag, ein Gasthof so lange offen bleiben muss, bis der letzte Gast gegangen ist.  Ich habe das mehrmals mit dem Bürgermeister dort getestet.  Als ich dann einmal bei Europol in Den Haag war, werde ich von einem Pressesprecher dort empfangen, der mir sagte, er sei österreichischer Polizist.  Daraufhin wollte ich wissen, wo er gearbeitet hatte.  Er antwortete mir: „In Poysdorf!“. „Wo?“, erwiderte ich, „In Poysdorf, da war ich auch schon!“.  „Oh, sagte er.  Dann muss ich Ihnen auch erzählen, warum ich da weggegangen bin“. „Wieso?  Hat es Ihnen da nicht gefallen?“. „Nein!„ Das Problem war diese verrückte Regel, die ich Ihnen gerade zitiert habe.  „Ich war als Nicht-Einheimischer nicht bereit, das Risiko der einheimischen Polizisten einzugehen, die immer mittranken, denn ich hatte Angst, dass ich irgendwie dadurch einmal meine Karriere in Gefahr bringen würde.  So bin ich von Poysdorf weggegangen.“  So klein kann die Welt plötzlich sein, wenn man in Niederösterreich ist.

Im Burgerland, das kleinste Bundesland, hat uns hier vor Ort, bei der Einführung unserer Informatik, damals ganz konkret geholfen.  Wir haben ein ähnliches Modell eingeführt.  Unser Generalsekretär hat sich dort sachkundig gemacht. Das Burgerland ist auch wegen seines einzigartigen Kulturtourismus rund um den Neusiedlersee eine außergewöhnliche „Success-Story“. Dort wird ein Kultursommer auf dem See und in einem alten römischen Steinbruch veranstaltet, wie ich ihn so anderswo auf der Welt noch nirgendwo gesehen habe. 

Kärnten, dort gibt es das System der Proporzregierung.  Dort braucht man keine Mehrheit, um eine Regierung zu bilden, dort wird die Regierung proportional zur Stärke der Fraktionen gebildet.  Ich verspreche hoch und heilig, dass ich alles mir Mögliche tun werde, damit dieses System niemals hier eingeführt wird (Gelächter). Damals mussten die Sozialdemokraten mit Haider zusammen in der Regierung sitzen und mussten dauernd in Brüssel, in der EU, erklären, wieso sie denn mit Haider in einer Regierung sitzen mussten. Das war eine ganz spannende Geschichte.  Bei den vielen Dingen, die man zu Kärnten sagen kann – ich denke, dass gerade die Familie Bourseaux das noch sehr viel intensiver machen könnte – möchte ich ein Beispiel herauszitieren, rein zufällig, aber ganz bewusst, was für mich einen ganz entscheidenden Einfluss auf eine Entscheidung genommen hat, die die Regierung vor einigen Monaten getroffen hat und die sich auf das Kloster Heidberg bezieht.

Am Ossiacher See, im Benediktinerstift Ossiach, haben wir genau das Vorbild dessen, was wir hier mit dem Heidbergkloster als interessanten Tagungsstandort machen können.  Wenn man den gesehen hat, kann man dann auch noch in das nicht all zu weit, aber an der anderen Ecke Österreichs liegende Südtirol, in die Nachbarschaft, gehen und sich dort das Kloster Tramin anschauen, wo der Gewürztraminer herkommt.  Kloster Ossiach ist aber noch interessanter.  Dort wird vorgelebt, wie erfolgreich eine solche Initiative funktionieren kann. Da wird übrigens auch vorgelebt, wie wichtig diese Initiative für die umliegende Gastronomie und gewerbliche Hotellandschaft ist.  Das wäre ein Ausflug, den man vielleicht Gewissen hier einmal etwas nahelegen könnte in Ostbelgien.

In der Steiermark werden in Sachen Energie- und Holzwirtschaft Dinge gemacht, über die wir hier noch nicht zu träumen wagen und die dort schon, seit über einem Jahrzehnt, Standard sind.  Auch das ist eine wunderbare Quelle der Inspiration, wenn wir es mit unserem Zukunftsprojekt „Mit der Natur wirtschaften“ und unserem Energieleitbild und dessen Umsetzung ernst machen wollen.

Dann sind wir in Wien angekommen, jener wunderbaren Stadt, die eine Kulturhochburg ist, wie man sie weltweit wahrscheinlich nicht sehr oft finden wird.  Das wäre übertrieben zu sagen, Wien sei das Vorbild für Eupen als Hauptstadt.  Nein, das werden wir nicht hinkriegen.  Wien ist wohl das Vorbild für etwas anderes in Belgien, was sich augenblicklich übrigens auch verwirklicht, nämlich eine intelligente Zusammenarbeit zwischen einem Stadtstaat wie Wien und dem Umland, genau das, woran Brüssel krankt in der Zusammenarbeit mit Flandern und der Wallonie.  Dafür gibt es in Wien – in Zusammenarbeit u.a. mit Niederösterreich, das Wien umzingelt – wunderbare Beispiele. 

Das war die Reise durch die Republik Österreich. Sie haben gesehen, dass es nicht nur ein Erzählen von Geschichten war. Es waren Dinge, die mit der konkreten Politik hierzulande unwahrscheinlich viel zu tun haben und die in vielfältiger Weise wiederholt werden können. Unter anderem diese sind unsere Ansprechpartner in den Landesvertretungen in Brüssel. Dort finden wir vor allem Ideen für unser Regionales Entwicklungskonzept (REK).  Wer das REK detailliert gelesen hat, wird festgestellt haben und sich daran erinnern, dass bei den vielen Best Practices und Partnerschaften, die dort erwähnt werden, 15 aus Österreich kommen!  Diese sind alle hoch interessant, spannend und voller Potential für Kooperationen mit der DG.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

am Ende meiner Intervention hier möchte ich diesen Orden als etwas interpretieren, wofür ich nicht nur dankbar sein will und was ich nicht nur ehrenvoll tragen möchte, sondern vor allem als etwas, was mir persönlich – auch in meinem jetzt schon etwas vorgerückten Alter – einen richtigen Motivationsschub gibt, ja, einen Motivationsschub, um auf dem eingeschlagenen Weg des Aufbaus von Kontakten fortzufahren, ja – auch wenn das dem einen anderen nicht gefallen mag, aber das wird mich nicht am Schlafen hindern – nicht nur fortfahren, sondern dabei noch einen Gang zuzuschalten, noch mehr, noch besser, noch zielgerechter vorzugehen, um dieses unwahrscheinliche Potential an Möglichkeiten der Zusammenarbeit, des Austausches und der Kooperation, das uns dieses wunderbare Land Österreich bietet, weiter auszubauen, zu nutzen und im Interesse und zum Wohle der Menschen unserer Heimat einzusetzen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!