Reden

Die Rolle des Transport- und Logistiksektors in Belgien und den Benelux-Staaten


Die Rolle des Transport- und Logistiksektors in Belgien und den Benelux-Staaten
(Basistext: Es zählt das gesprochene Wort)

24/09/2010

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Ich bin sehr glücklich, die Möglichkeit zu haben, auf dieser wichtigen Messe über die Rolle des Transport- und Logistiksektors in meinem Land, Belgien, und den Benelux-Staaten im Allgemeinen sprechen zu dürfen.

Ich muss gestehen, dass dies nicht mein Fachbereich ist. Ich habe dennoch zugesagt, weil ich glaube, durchaus einen sinnvollen Beitrag zum heutigen Thema leisten zu können – dem sogenannten “Länder-Fokus” auf die „Makroregion Benelux“. Nach 20 Jahren als Minister in einem belgischen Teilstaat, denke ich doch einen gewissen Einblick in die Funktionsweise dieses traditionsreichen Zusammenschlusses gewonnen zu haben. Da ich meine politische Erfahrung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens – einer Grenzregion ‚par excellence’ zwischen der Wallonie, den Niederlanden, Deutschland und Luxemburg – gesammelt habe, möchte ich mich heute insbesondere zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in unserer überaus interessanten Grenzregion und dem Beneluxraum im weiteren Sinne äußern, welche zweifellos gerade für den Transport- und Logistiksektor von größter Bedeutung ist – und vielleicht auch als Inspirationsquelle für unsere europäischen Partner dienen kann.

Im Dezember 2008 veröffentlichte die zuständige föderale Organisation eine Broschüre des belgischen Logistik- und Transportsektors, aus der ich zu Beginn meiner Rede einige Zahlen und Informationen nennen möchte. Später möchte ich auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in den Beneluxstaaten und die Wichtigkeit dieser Form der Kooperation für den europäischen Transportsektor eingehen. Zur Veranschaulichung möchte ich abschließend ein Paar Worte zur DG und ihren Kontakten im unmittelbaren Grenzraum sagen.

Der belgische Transport- und Logistiksektor zählt 8.924 registrierte Unternehmen, welche tagtäglich eine Flotte von 56.553 Fahrzeugen koordinieren. Diese Zahl ist seit 2000 sehr stabil geblieben. Die meisten dieser Unternehmen sind kleine Betriebe, von denen zwei von fünf nur ein Fahrzeug betreiben und nur 1,42% der Unternehmen besitzt über 50 Transporter. Dennoch arbeiten 55,1% der Angestellten in Unternehmen mit über 20 Mitarbeitern. Die Gesamtanzahl der Arbeitsstellen im Sektor ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen (um 14,8% für Arbeiter – meist Fahrer – und um ganze 65,8% für Angestellte). Damit wurde die Branche neben dem Finanz- und dem Horecasektor zum drittgrößten Arbeitgeber in Belgien – noch vor der Nahrungsmittel- sowie der chemischen Industrie.
Sie sehen, Transport und Logistik sind für unser Land von großer Bedeutung und dies scheint geradezu logisch angesichts der zentralen Position im Herzen Europas zwischen den Niederlanden, Luxemburg, Frankreich, Deutschland und Großbritannien.

Belgien verfügt über eine dichte Logistikinfrastruktur, wodurch ein effizienter transnationaler Transport für den eigenen Markt ermöglicht wird und unser Land zudem zu einem überaus wichtigen Durchgangsland für den Transport in einer von Europas dichtbevölkertsten Regionen wird. Mit Antwerpen besitzt Belgien zudem den zweitgrößten Hafen Europas, welcher 80 km im Inland an der Schelde liegt und somit mitten im dicht-besiedelten Norden Europas.

Die nötigen Rahmenbedingungen für einen florierenden Transportsektor scheinen somit gegeben. Eine angepasste Infrastruktur innerhalb des Landes ist jedoch nicht die einzige Voraussetzung hierfür – schließlich stößt man bei der Mobilität sehr schnell an seine Grenzen – nämlich die Landesgrenzen, die in Belgien nie sehr weit entfernt sind. Angesichts der Größe des belgischen Staates und seiner geographischen Lage kann der nationale Logistiksektor nur florieren, wenn auf politischer und wirtschaftlicher Ebene eine dynamische grenzüberschreitende Herangehensweise angestrebt wird. Eben dies gilt in gleichem Maße auch für Luxemburg und die Niederlande. In diesem vergleichsweise kleinen Gebiet (in dem die nächste Staatsgrenze maximal zwei Stunden entfernt ist) befinden sich die beiden größten Häfen Europas – eine wichtige Trumpfkarte und eine riesige Chance inmitten des Europäischen Binnenmarktes und vor dem Hintergrund der fortschreitenden Globalisierung. Gleichzeitig wird es aufgrund dieser Ausgangslage geradezu zu einem Muss, zusammen zu arbeiten.

Umso verständlicher ist es, dass die Veranstalter für den Länder-Fokus die gesamte Region „als Einheit“ gewählt haben – schließlich haben die Beneluxstaaten auch in der Vergangenheit eine Vorreiterrolle für Europa gespielt. Nicht zuletzt auch beim freien Güterverkehr– so entschieden die drei Staaten im Grundsatz bereits 1944 eine gemeinsame Zollunion.

In den darauffolgenden Jahren verstärkten sie die Zusammenarbeit auch in zahlreichen anderen Bereichen, was eine politische Kultur der Kooperation entstehen ließ – als Politiker werde ich mich an dieser Stelle vor allem zu dieser politischen Zusammenarbeit äußern, denn sie ist es, die die nötigen Rahmenbedingungen schafft. Auf dieser Basis ist es natürlich an den Unternehmen, entsprechende Kontakte über die Grenzen zu knüpfen, um die erweiterten Skaleneffekte auszunutzen und gemeinsame Zukunftsprojekte zu entwickeln.

Mit dem Entstehen der Kultur der Kooperation florierte auch die Zusammenarbeit auf regionaler Ebene im unmittelbaren Grenzraum – und diese Form der Kooperation ist oft komplizierter als es aussieht.  Es müssen hierfür drei Voraussetzungen erfüllt sein und die lassen sich auch in allen Sprachen wunderbar erklären: Man muss es erstens „dürfen“, zweitens „wollen“ und drittens „können“… wie bei vielen Dingen im Leben…

Das „Dürfen“ ist oft gar nicht so evident. Denn verschiedene Staaten schauen argwöhnisch auf das, was an ihren Grenzen geschieht und was ihnen zu entgleiten droht. Das „Wollen“ ist auch leichter gesagt als getan.  Ich kenne unzählig viele Politikerkollegen, deren Karriere deshalb vorzeitig von den Wählern beendet wurde, weil diese den Weg nicht mitgehen wollten. Da werden nicht selten Aussagen geäußert wie ‚Warum bist du dauernd im Ausland?’, ‚Warum willst du unbedingt mit den Nachbarn zusammenarbeiten?’, ‚Kümmere dich doch um unsere eigenen Probleme’, ‚Warum soll bei einer Betriebsansiedlung, die man gemeinsam bewirkt, das Unternehmen auf der anderen Seite der Grenze stehen und nicht bei uns?’ usw. Sie sehen, auch das „Wollen“ kann manchmal ganz schön schwierig und politisch gar nicht unproblematisch sein.  Wenn man denn „darf“ und „will“, muss man es aber auch noch „können“.  Das ist manchmal das Allerschwierigste. Warum? Weil dieses grenzüberschreitende Zusammenarbeiten gerade in komplexen Grenzregionen ein außerordentlich hohes Maß an „interkultureller Kommunikationskompetenz“ voraussetzt. Dabei ist zumindest das Verstehen der Sprache des Nachbarn aus meiner Erfahrung und Überzeugung eine wichtige Voraussetzung.  Aber selbst dieses sprachliche Verstehen des Anderen genügt nicht.  Man muss ihn auch von der Mentalität und seinen kulturellen Vorverständnissen her begreifen. So muss man beispielsweise die Komplexität seiner Verwaltungsstruktur beherrschen.

Da muss man sich intensiv in die Situation des Nachbarn hineindenken und in der Lage sein, ihn genau so zu verstehen, wie er sich selbst versteht.  Man muss dasselbe von ihm erwarten können und dann klappt das. Das ist nicht so einfach, aber es ist möglich.  Auch diese Kompetenz ist etwas, was Europa braucht, wenn wir das Alleinstellungsmerkmal der europäischen Vielfalt zu einer wirklichen Trumpfkarte vor dem Hintergrund der Globalisierung ausbauen wollen.

Aber auch – und damit komme ich auf unser heutiges Thema zurück – um uns als Kontinent wirtschaftlich zu positionieren, ist Zusammenarbeit von größter Wichtigkeit. Hier muss die Integration in eine weitere Stufe gelangen, um das gemeinsame Potenzial der 27 Mitgliedsstaaten voll auszunutzen. Europa ist ein Kontinent des regen Handels, daher spielt gerade die Logistikbranche bei der wirtschaftlichen Positionierung unseres Kontinentes in einer globalisierten Welt eine fundamentale Rolle. Der freie Güterverkehr muss nicht nur gesetzlich möglich sondern auch in der Praxis effizient gestaltet werden. Aufgrund der Verwobenheit ihrer sehr dichten Transportinfrastruktur (Straße, Schienen und Wasser) und ihrer räumlichen Nähe können die Benelux-Staaten auch hier als Laboratorium für eine engere Zusammenarbeit zwischen den europäischen Staaten dienen.

Angesichts der Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise und der Gefahren durch den Klimawandel, sehen sich die Logistiksektoren weltweit derselben Herausforderung gegenüber, nämlich der Frage, wie man den verstärkten Warentransport nachhaltig verbessern kann. Wenn ich nachhaltig sage meine ich nicht nur den ökologischen, sondern auch den sozialen und nicht zuletzt den wirtschaftlichen Aspekt der Nachhaltigkeit. All diese Faktoren müssen gegeben sein, damit man von wahrlich nachhaltiger Effizienzsteigerung im Transportsektor sprechen kann.

Eine große Zukunftschance für eine gleichzeitige Verbesserung des wirtschaftlichen und ökologischen Aspektes der Nachhaltigkeit  birgt zweifellos das Konzept des kombinierten Transportes (Strasse und Schienen). Auch hier bieten die Benelux-Staaten perfekte Rahmenbedingungen, um zu einer europäischen Modellregion zu werden, verfügen sie doch über ein sehr dichtes und effizientes Schienensystem. Wirklich effizient lässt sich eine Kombination der beiden Transportwege jedoch nur über weitere Strecken und demnach länderübergreifend gestalten. Auch hier wird demnach für eine Zukunftsausrichtung der Branche einiges an grenzüberschreitender Kooperation geschehen müssen. Dasselbe gilt im Übrigen für eine verstärkte Nutzung der zahlreichen Kanäle in den Beneluxstaaten und darüber hinaus.

Als Beispiel für eine Stärkung des sozialen Aspektes der Nachhaltigkeit könnte an dieser Stelle “Euro Contrôle Route” angeführt werden. Dieser Zusammenschluss, der mittlerweile 14 Mitgliedsstaaten der EU zählt, möchte kohärente Voraussetzungen für ein hohes Niveau an Sicherheit beim Straßentransport in Europa erreichen bzw. dieses wahren. Zu diesem Zweck findet ein reger Austausch zwischen den Mitgliedsstaaten statt und werden gemeinsame Kontrollmechanismen zur europaweiten Einhaltung von Sicherheitsvorschriften (z.B. maximale Arbeitsstunden, etc.) ausgearbeitet.

Es ist nicht verwunderlich, dass dieser Zusammenschluss aus einer Arbeitsgruppe der Benelux-Staaten entstand. Interessant ist, dass die ersten Staaten, die der Benelux-Initiative beitraten die direkten Nachbarn Frankreich und Deutschland waren. Dies zeigt, inwiefern sich eine Kultur der Kooperation in einem bestimmten Teil Europas zu einer europaweiten Initiative entwickeln kann, die allen Bürgern der EU zugute kommt. Diese Kultur der Zusammenarbeit, von der ich vorhin bereits sprach, entwickelt sich meines Erachtens am besten in unmittelbaren Grenzregionen und besitzt ein beachtliches Potential, von da aus weitere Kreise zu ziehen und europaweit wichtige Impulse zu setzen.
Ein Beispiel für eine solche Grenzregion ist die Euregio Maas-Rhein, der neben den belgischen Provinzen Lüttich und Limburg auch die Niederländische Provinz Limburg, die Regio Aachen und – als einzige Gebietskörperschaft mit Gesetzgebungshoheit – die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens (DG) angehören. Die Deutschsprachige Gemeinschaft ist heute durch den belgischen Föderalisierungsprozess, 90 Jahre nachdem der westlichste Zipfel Preußens durch den Vertrag von Versailles an Belgien abgetreten wurde – einer der belgischen Gliedstaaten. Sie versteht sich aufgrund ihrer Vergangenheit und Grenzlage am Schnittpunkt zwischen dem germanischen und dem romanischen Kulturraum als Mittler zwischen dem belgischen Inland und dem deutschen Sprachraum.

Diese Funktion kann sie innerhalb der Euregio wunderbar erfüllen, denn in diesem Zusammenschluss, dessen Hauptsitz sich in der Hauptstadt der DG in Eupen befindet, werden gemeinsame Projekte ausgearbeitet und tagtäglich direkte Grenzerfahrungen gesammelt. Es sind Regionen wie diese, die meiner Überzeugung nach gleichzeitig als Laboratorium und Motor für die Europäische Integration von morgen dienen werden.

Gerade aufgrund ihrer Grenzlage am Schnittpunkt verschiedener Kulturen und als Brücke zu unterschiedlichen europäischen Märkten haben diese Regionen auch und gerade im Bereich des Transportsektors enorme Zukunftschancen. „So gehören zu den Unternehmen, die wichtige Distributionszentren in der Euregio angesiedelt haben, u.a. Bertelsmann, Bose, DHL, Hyundai, Ikea, Skechers und TNT. In der Euregio liegen darüber hinaus mehrere Logistikknotenpunkte. Einer dieser Knotenpunkte ist Lüttich. Die Stadt verfügt über einen expandierenden Binnenhafen – der drittgrößte europäische Binnenhafen nach Duisburg und Paris – und einen Flughafen, der 2005 auf Platz 11 der Top 50-Liste europäischer Frachtflughäfen stand. Der Knotenpunkt Sittard-Geleen spielt vor allem für die dort ansässige chemische Industrie und Automobilindustrie eine wichtige Rolle. Die Binnenschifffahrt und der Short-Sea-Transport werden über den Knotenpunkt Born abgewickelt. Der Maastricht Aachen Airport ist in erster Linie für den Frachtverkehr über relativ kurze Entfernungen (Afrika und Russland) wichtig. Auch Genk – mit einem großen Binnenhafen am Albertkanal – ist ein wichtiger Logistikknotenpunkt. Dasselbe gilt für Lommel, das in Zukunft an den Eisernen Rhein angebunden wird. Hier befinden sich mehrere große Distributionszentren. Auch die Aktivitäten von Ford (das Unternehmen exportiert 98% seiner Produktion ) bedeuten umfangreiche Logistikaktivitäten. Spezialisierte Unternehmen (FOREM Logistics) und Kooperationsverbände (z.B. Pôle Transport in Lüttich, Logistiek Platform Limburg in Hasselt, European Logistics Center in Niederländisch-Limburg) stärken die Position des Sektors.“

Die jeweilige Ausrichtung auf verschiedene Märkte und die unterschiedlichen Trümpfe dieser unmittelbar beieinander liegenden Standpunkte zeigen, welches Expansionspotenzial in der Ausarbeitung einer gemeinsamen Zukunftsvision für diese Grenzregion liegt. „Die bestehenden Logistikinfrastrukturen können einander wunderbar ergänzen. Innerhalb der Euregio sind in dieser Hinsicht positive Entwicklungen zu beobachten. Außerdem besitzt sie wichtige multimodale Plattformen, die sich zurzeit rasch entwickeln“.

Das konkrete Beispiel der Euregio zeigt meines Erachtens, dass gerade für den Logistiksektor ein Ausbau der interkulturellen Kommunikationskompetenz von größter Wichtigkeit ist, wenn wir das fundamentale Alleinstellungsmerkmal der europäischen Vielfalt zu einer wirklichen Trumpfkarte ausbauen wollen. Dafür brauchen wir derlei Kompetenzen sehr dringend.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!