Reden

ZOOM 1920-2010: Nachbarschaften – Neun Jahrzehnte nach Versailles


ZOOM 1920-2010: Nachbarschaften – Neun Jahrzehnte nach Versailles

24/09/2010

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Sehr geehrter Herr Botschafter,
Lieber Prof. Bettzuege,
Sehr geehrter Herr Parlamentspräsident,
Sehr geehrter Herr Senator,
Meine sehr geehrten Damen und Herren,

von dem 1925 geborenen deutschen Theologen und ehemaligen Landesbischof von Württemberg stammt folgendes Zitat: „Geschichte ist nicht nur Geschehenes, sondern Geschichtetes, also der Boden, auf dem wir stehen und bauen“.  Zum einen verdeutlicht dieses Zitat, dass Geschichte nicht einfach nur Teil der Vergangenheit ist, sondern auch ein Teil der Gegenwart.  Vergangene Ereignisse lassen sich mit Konsequenzen für die Gegenwart verbinden. Sie schaffen die Prämissen für die Gestaltung der Zukunft.  Beispiele dafür gibt es zu genüge, ganze Bibliotheken von Geschichtsbüchern sozusagen.  Wo fangen wir da an?  Keine Angst, ich werde heute Abend hier keine große geschichtliche Darstellung vortragen, zu Beginn dieses Kolloquiums, in dessen Verlauf wir noch sehr spannende und sehr viel kompetentere Aussagen hören werden, als die meinen.  Trotzdem möchte ich mich ein klein wenig mit diesem Bezug zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigen.
Ich möchte mit einer Jahreszahl beginnen, die etwas willkürlich gewählt einher gehen könnte, die aber durchaus keineswegs zufällig jetzt genannt wird.  Das Jahr 1476. Das Datum habe ich schon einmal zitiert, vor einigen Tagen, als wir in Eupen den neuen Sitz der Regierung einweihten.  Dort haben wir in einem alten Eupener Haus Mauerreste aus dem Jahre 1472 gefunden. 

Das Jahr 1476 geht in die Geschichte ein, als das Jahr, in dem die Eidgenossen in der Schlacht bei Grandson den burgundischen Herzog Karl I. den Kühnen besiegten.  Wenn Sie eben genau zugehört haben, bei den Aussagen von Herrn Prof. Bettzuege, dann wissen Sie schon das, was ich Ihnen eigentlich jetzt hier sagen möchte.  Ich fasse zusammen:  Hätte es nicht Karl I. den Kühnen gegeben, stände ich wahrscheinlich jetzt nicht hier, zumindest nicht in der Eigenschaft, in der ich zu Ihnen spreche.  Wir würden vielleicht auch gar keinen Kongress zum Thema „Versailler Vertrag“ abhalten.  In der Tat, es waren die Burgunder, die die Niederlanden einten, jenes Gebiet, welches das Territorium umfasst, das heute im Wesentlichen von den Staaten Belgien, Luxemburg und den Niederlanden gebildet wird.  Nach dem Tod Karl 1. des Kühnen besetzte Frankreich die Grafschaft Burgund und wurde eine wirkliche Bedrohung.  Diese wurde damals abgewandt, wie man das zu den Zeiten machte. Das macht man heute nicht mehr so.  Es wurde einfach eine Heirat organisiert zwischen Karls Tochter Maria und dem Erzherzog Maximilian von Österreich. Dadurch behielten die Niederlanden eine gewisse Eigenständigkeit.  Später wurden sie dann spanisch.  Das Gebiet ging dann wieder zu den Österreichern; dann kamen die Franzosen in den revolutionären Zeiten, Napoleon erschien, und so weiter und so weiter…  schließlich war es dann der Wiener Kongress, der eine große Rolle spielte, insbesondere für die Region, in der wir hier leben.  Das ist die Geschichte.  Wir werden sie noch in vielfältiger Weise in den nächsten Stunden, heute Abend und morgen, auferstehen lassen.

Ganz entscheidend ist natürlich nach dieser Geschichte, die auf Karl I. den Kühnen zurückgeht, das, was uns zu diesem Zoom veranlasst hat: der am 20. September 1920  in Kraft getretene Versailler Vertrag, mit dem die damaligen Gebiete Eupen, Malmédy und Neutral-Moresnet belgisch wurden.  Damit wurde eine von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges erlassene Bestimmung zur europäischen Nachkriegsordnung Wirklichkeit.  Die Menschen in der Region mussten sich einem Staatenwechsel fügen.  Die vorausgegangene Volksbefragung wird von Historikern zu Recht als Farce bezeichnet. 

Gerade zu diesem Stück Geschichte habe ich in den letzten Stunden noch etwas ganz Interessantes erlebt. Mich rief nach Bekanntwerden dieses Kolloquiums ein Einwohner aus Malmédy an und sagte: „Ich habe beim Entrümpeln irgendeiner Ecke in meinem Haus noch ein altes Buch aus dem Jahre 1923 gefunden, das eine Festschrift zu Ehren von General-Leutnant Baron Hermann Baltia ist.  Ich würde diese gerne der Deutschsprachigen Gemeinschaft übergeben. Da antwortete ich: „Oh, danke für dieses Geschenk!“.  Daraufhin sagte er: „Ich wollte es eigentlich der Deutschsprachigen Gemeinschaft verkaufen!“.  „Ah so“, sagte ich.  Das ist natürlich etwas komplizierter.  Sie wissen ja, wie das mit dem öffentlichen Finanzwesen ist. Da müssen wir wirklich ganz schwierige Prozeduren klären.  Ich mache Ihnen einen Vorschlag.  Ich kaufe es persönlich ab.  Wie viel wollen Sie denn haben?“.  „Ich hatte so an 125 Euro gedacht.“  Da sagte ich: „Okay, wir sind uns einig.  Ich gebe Ihnen 150 Euro.“  Jetzt bin ich glücklicher Eigentümer dieses Buches.  Ich habe es übrigens im Auto liegen.  In diesem Buch gibt es viele Fotographien, u.a. eine Fotographie von diesem famosen Register, in dem sich die Menschen damals eintragen mussten, wenn sie denn sich im Rahmen der Volksbefragung äußern wollten.  In diesem Text, der da verfasst wird – der natürlich nicht gerade von Objektivität strotzt – wird erklärt, dass diese Volksbefragung eigentlich nicht so ganz optimal war.  (Der ehemalige deutsche Bundeskanzler würde vielleicht gesagt haben „suboptimal“).  Aber, wir konnten gar nicht anders, weil ein Amerikaner in diesen Verhandlungen es so aufgezwungen hat, dass man eben nur nein sagen konnte.  Das ganze Buch ist wirklich spannend.  Ich habe angefangen, es zu lesen.  Ich war heute acht Stunden im Auto und bin mit der Lektüre fast schon fertig. 

Die Behauptung, dass mit diesem Staatenwechsel 1920 zur damaligen Zeit bereits schon zwangsweise die heutige Deutschsprachige Gemeinschaft von der Geschichte vorhergesagt worden wäre, ist natürlich nicht richtig. Das wäre schon der Tatbestand der historischen Konstruktion, derlei zu erzählen.  Jedoch steht eindeutig fest, dass der Staatenwechsel von 1920 genauso, wie die dann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stattgefundene Umwandlung des belgischen Einheitsstaates in einen Bundesstaat mit der Schaffung der Sprachgebiete und auch der verschiedenen Gemeinschaften und Regionen ein ganz wichtiges Element in unserer Geschichte ist, ohne die es heute keine Deutschsprachige Gemeinschaft gäbe.  Ohne Versailles, ohne die Umwandlung Belgiens, gäbe es sicherlich keine Deutschsprachige Gemeinschaft. Deshalb ist es sehr sinnvoll sich im Jahr des 90. Jahrestages dieses 20. Septembers 1920 etwas intensiver mit dem Versailler Vertrag zu beschäftigen. 

Die Veranstaltung, die jetzt heute Abend und morgen stattfindet will zweierlei leisten: Zum einen soll die Bedeutung und die Folgen des Versailler Vertrages für den Landstrich zwischen Kelmis und Ouren sowie für die beiden direkt betroffenen Staaten Belgien und Deutschland beleuchtet werden; zum anderen gilt es diese Entwicklung in Kontrast zu stellen zu jeder Entwicklung in anderen europäischen Regionen, für die die Pariser Vorortsverträge (so nennt man diese fünf Verträge, die damals 1919 abgeschlossen wurden) ebenfalls eine bedeutsame historische Wegmarke ist. 

Dieser Ansatz soll den Begriff Zoom verdeutlichen.  Das ist schon eher neudeutsch, denn mit dem Begriff Zoom lässt sich sowohl heute als auch morgen ins Visier nehmen, genau wie das mit einem Teleobjektiv und mit einem Weitwinkelobjektiv möglich ist.   Der Versailler Vertrag, der Vertrag von St. Germain-en-Laye, der Vertrag von Neuilly-sur-Seine, der Vertrag von Trianon sowie der von Sèvres sind schon wichtige Einschnitte in die europäische Geschichte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.  Sie spielen auch heute noch eine sehr große Rolle. 

Ich komme soeben von einer Veranstaltung in Eupen, wo sich einige hundert Juristen aus dem Euregio-Raum, im Rahmen ihrer Vereinigung Ad Mosam, getroffen hatten und wo der Chefankläger vom Internationalen Strafgericht, Herr Serge Brammertz, einiges aus einer Erfahrung erzählte, und viele der Situationen, über die er gesprochen hat, wären heute nicht so wie sind, wenn es nicht diese Verträge gegeben hätte. 

Dieses Nebeneinandersetzen verschiedener Entwicklungen soll zeigen, dass die Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft eine Erfolgsgeschichte ist.  Eine Erfolgsgeschichte deshalb, weil ein anderer möglicher Weg, nämlich die Assimilation, das Verdrängen der deutschen Sprache ins Private durchaus auch im Bereich des Denkbaren gewesen wäre.  Die realen Beispiele in Europa zeigen deutlich und zeugen davon, dass dies kein rein theoretischer Gedankengang ist.  Ich brauche wohl nicht in Erinnerung zu rufen, dass auch hier in unserer eigenen Region ein entsprechender Weg eingeschlagen worden ist, sowohl nach dem Versailler Vertrag als auch und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg.  Bei aller Vorsicht vor geschichtlichen Spekulationen, ohne die einsetzende Umwandlung Belgiens in einen Bundesstaat – und wie ich selbst auch oft noch hinzufüge, ohne das Entstehen des Fernsehens, wo alle Menschen hier deutsches Fernsehen geschaut haben – wäre wahrscheinlich dieser Weg der Assimilation noch durchaus Wirklichkeit geworden. 

Ich bezeichne sehr oft – auch wenn der eine oder andere mir das vorwirft, aber Sie wissen ja, dass ich für Vorwürfe ziemlich resistent geworden bin – die Situation in unserer Region hier als eine Kombination einer sehr schwierigen und leidvollen Vergangenheit, die sich dann letztlich zu einem Glücksfall der Geschichte entwickelt hat.  Dabei geht es weder darum, eine ausschließliche Opferperspektive in irgendeiner Form einzunehmen, noch um irgendeinen Geschichtsautomatismus das Wort zu reden, sondern es geht – das sage ich ganz deutlich – im Wesentlichen darum mit Freude und Genugtuung festzuhalten, dass das, was unsere Vorfahren zum Teil sehr leidvoll erlebt haben, ich erinnere immer gerne an meinen Opa, der unweit von hier in einem Dorf gelebt hat, als bodenständiger Bauer, als Deutscher geboren und dann Belgier wurde, dann wieder Deutscher, dann wieder Belgier, dann zwei Weltkriege sozusagen als Prämie hinzu bekam.  Ich zitiere sehr oft dieses Beispiel, um deutlich zu machen, dass wir Grund haben, diese leidvolle Geschichte als etwas zu sehen, was uns gestärkt hat, was uns letztlich, aufgrund weiterer Entwicklungen, die ich eben schon angesprochen habe, eine sehr interessante Zukunftsperspektive eröffnet hat.  Zuerst einmal ein Leben in Frieden und Freiheit, in einem sehr interessanten Grenzraum und zunehmend auch europa- und sogar weltweit durchaus einzigartige Perspektive als kleine Region mit Gesetzgebungshoheit wesentliche Teile unserer Zukunft selbst zu gestalten und unsere Geschicke in unsere Hände zu nehmen.  Wer die aktuelle Diskussion in Belgien über die Zukunft des belgischen Bundesstaates ein klein wenig verfolgt, der dürfte bereits ahnen, dass diese weitere Entwicklung uns noch in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren mit weiteren bedeutenden neuen Zuständigkeiten und Verantwortungen ausstatten wird.

Zoom 1920-2010 ist – wenn ich das einmal biologisch formulieren darf – das gemeinsame Kind der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und des Goethe-Instituts in Brüssel.  Die Kontakte zwischen dem Goethe-Institut und der DG sind so alt wie die DG selbst. Sie waren zu früheren Zeiten etwas ganz Außerordentliches, weil Seltenes, und manchmal sogar noch mit einem gewissen Argwohn beobachtet.  Sie sind mittlerweile so selbstverständlich geworden, dass es uns gar nicht mehr auffällt, dass wir so viel und so intensiv zusammenarbeiten.  Hier bei diesem Projekt nun hat die Zusammenarbeit sich nun doch in einer ganz besonderen Art und Weise verdichtet, in der Konzeptions- und Vorbereitungsphase und auch jetzt bei der Vollendung.  Das war – das kann ich im Namen der Beteiligten, die meiner Verantwortung unterstehen, uneingeschränkt sagen – ein äußerst bereicherndes Erlebnis.  Ich freue mich auch ganz besonders darüber, dass diese Veranstaltung deutlich macht, dass das Brüsseler Goethe-Institut natürlich auch im Wesentlichen die Schaltstelle des Goethe-Instituts für Europa ist.  Darauf sind wir stolz.  Wir sind alle stolz, dass Europa in Brüssel so aktiv präsent ist.  Wir freuen uns auch, dass es darüber hinaus mit dieser Veranstaltung ein Bekenntnis zur Arbeit in Belgien gibt.  Auch das ist wichtig.  Denn für viele Menschen, die in Brüssel tätig sind, ist es immer wieder, entweder selbstverständlich oder zumindest sehr frohlockend, sich dort nur mit Europa zu beschäftigen und dabei ganz zu vergessen, dass Brüssel ja auch die Hauptstadt Belgiens ist, ja sogar die Hauptstadt Flanderns, die Hauptstadt der Französischen Gemeinschaft und das Brüssel sogar, das habe ich auch heute schon irgendwo erzählt, so weltweit etwas ganz Außerordentliches ist.

Suchen Sie noch irgendwo ein anderes Bundesland, das ein Territorium besitzt, für das zeitgleich drei verschiedene Bundesländer zuständig sind, wobei zwei davon (die Französische Gemeinschaft und die Flämische Gemeinschaft) in denselben Angelegenheiten zuständig sind und dass die Menschen sich dann aussuchen können zu welcher Körperschaft sie sich jetzt im Einzelfall bekennen, ohne dass sie dafür eine definitive Entscheidung treffen müssen.  Man kann in eine flämische Schule gehen und in ein französischsprachiges Krankenhaus.  Das sind zwei verschiedene Rechtssysteme, aber das funktioniert alles, ist allerdings auch ein bisschen kompliziert, aber hat viel mit dem berühmten belgischen Kompromiss zu tun.

 

Lieber Herr Botschafter,

Sie haben heute erneut bewiesen, wie intensiv Sie sich mit der Geschichte unserer Region hier beschäftigen.  Das ehrt uns sehr.  Das macht uns sogar manchmal ein bisschen beschämt, denn Sie wissen das alles noch viel besser als wir selbst. Sie können es vor allem hervorragend darstellen.  Sie sind wirklich der Horror für jeden Redenschreiber eines ostbelgischen Redners, denn, wenn man nach Ihnen spricht, weiß man mittlerweile, Sie haben die Dinge schon viel besser und viel genauer gesagt.  Herzlichen Dank für das, was Sie auch dieses Mal wieder zum Thema gesagt haben. Es war sehr treffend.  Es ist genau das, worum es letztlich geht und es aus dem Munde eines so kompetenten Beobachters zu hören, gibt der Sache noch einen ganz anderen Stellenwert, eine ganz neue Qualität, über die wir uns alle sehr freuen!

Meine Damen und Herren,

ich möchte jetzt noch drei Dinge zu Ihnen sagen.  Ich werde versuchen, es möglichst kurz zu machen. Sie haben auch nicht viel andere Möglichkeiten, als mir zuzuhören, weglaufen ist in diesem Saal nicht so ganz einfach, es fällt auf jeden Fall auf, aber, ich möchte Sie trotzdem jetzt nicht quälen, Sie sind ja schließlich nicht hier im Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft.  Ich möchte Ihnen etwas zur Stellung der DG in Belgien sagen.  Ich möchte Ihnen auch noch etwas sagen zu unseren Beziehungen zu Deutschland und ich möchte letztlich etwas sagen zu der Bedeutung, die wir unserer eigenen Geschichtsschreibung beimessen und in Zukunft noch intensiver beimessen sollen. 

Es ist ganz klar, dass eine Veranstaltung wie die heutige, nicht ohne Bezug zur politischen Realität ist.  Ich war vorgestern bei der Amtsübergabe des Regierungspräsidenten in Köln, wo Herr Hans Peter Lindlar von Frau Gisela Walsken ersetzt wurde. Wie es im Regierungspräsidium in Köln kaum anders denkbar ist, tauchte da auch der wohl bekannteste deutsche ehemalige Regierungspräsident Herr Franz-Josef Antwerpes auf und sagte: „Ja, ich wäre ja sehr gerne zu eurem Kongress gekommen. Das ist eine ganz mutige Sache so etwas zu machen, zum jetzigen Zeitpunkt, aber ich habe heute eine Wanderung.  Ich kann also nicht kommen.“.  Daraufhin sagte ich: „Wir werden die Berichte ausführlich schicken.“ Es stimmt schon, dass gerade im Kontext, indem wir augenblicklich in Belgien diskutieren, die Auseinandersetzung mit der Geschichte keineswegs nur banal ist. 

Die deutschsprachigen Belgier haben ihren Platz im Hause Belgien gefunden.  Wir sind der festen Überzeugung und nicht nur das, wir sind uns auch ziemlich sicher – auch wenn die Dinge vielleicht manchmal in diesen  Tagen etwas anders scheinen – dass unser Zuhause mit den besten Entwicklungsperspektiven im belgischen Bundesstaat liegt, der allerdings – dann werden die Sachen etwas komplexer – einer gründlichen Überholung, einer Renovierung bedarf.  Es steht meines Erachtens außer Frage, dass wir in den kommenden Monaten und Jahren einen ziemlich massiven und grundlegenden Umbau des belgischen Staates erleben werden, was die Kompetenzausstattungen der Gliedstaaten, ebenso wie deren Finanzierungsmöglichkeiten angeht. Es wird zu einer Schwerpunktverlagerung kommen, wie sie schon seit vielen Jahren von den Flamen gefordert wird und wie sie mittlerweile ja auch von den Frankophonen als Gegenstand von Verhandlungen akzeptiert wird.

In der Erklärung zur Lage der  Gemeinschaft, die ich diesen Dienstag vor dem Parlament vorgetragen habe, hat sich die DG, die Regierung der DG insbesondere, nochmals klar und deutlich im Rahmen dieser anstehenden Staatsreform positioniert.  Unser Ziel ist klar: Wir wollen einer von vier Teilstaaten in Belgien werden.  Ein Teilstaat, der alle Zuständigkeiten ausübt, die in Belgien den Gemeinschaften und Regionen übertragen worden sind oder übertragen werden. Dass Gemeinschaften und Regionen sowieso schon etwas sind, was kein Mensch wirklich versteht (diese Doppelgliedrigkeit der Landesebene) das hat nicht nur etwas damit zu tun, dass der normale deutsche Bürger wohl eher bei Gemeinschaft an Ehe, Sekten oder an sonstige Klubs denkt, aber sicherlich nicht an ein Bundesland.  Das ist eines der Elemente.  Das ist ein Stück belgische Geschichte dieser Kompromiss, dieses Aufteilen in Gemeinschaften und Regionen.  Die Zukunft liegt gerade darin, das zu überwinden und die ganze Sache in etwas stabilere und definitivere Bahnen zu lenken.  Das kann nur heißen: Vier Gliedstaaten (Flandern, Wallonie, Brüssel und DG).

Wir können weder mit der bipolaren Konzeption der Flamen, noch mit der tripolaren Konzeption der Wallonen leben.  Die einen wollen ein Belgien zu zweit; die anderen wollen ein Belgien zu dritt.  Wir wollen ein Belgien zu viert, das die Mathematik ein bisschen auf den Kopf setzt, d.h. für uns, heißt 2 + 3 = 4. Ich bin überzeugt, irgendwann wird das so sein.  Es wäre nicht das erste Mal, dass etwas ungewöhnliche Dinge in Belgien letztlich geschehen… aus 2 + 3 dann 4 machen, ist wahrscheinlich noch viel einfacher als vieles, was jetzt geschehen muss, um die in vielen Punkten unüberwindbaren Gegensätze zwischen Flamen und Wallonen zu überbrücken.

Wir können da als Deutschsprachige nicht wirklich die Dinge voranbringen.  Wir sind betroffene Beobachter.  Wir sind Triangelspieler, wie ich es einmal gesagt habe.  Wir müssen natürlich aufpassen, dass wir zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort die richtige Botschaft bringen.  Wir müssen punktgenau eintreten und dafür sorgen, dass am Ende das dabei herauskommt, was wir uns wünschen.

Das wird eine große Herausforderung in den nächsten Monaten sein.  Persönlich bin ich überzeugt, dass die Erkenntnisse aus dem, was ein Kolloquium, wie das hiesige bringen kann, dazu wirklich noch argumentativ und auch vom Emotionalen her wir unterstützend tätig sein können.  Wir müssen aber auch als diejenigen, die nicht letztendlich beeinflussen können, wohin Belgien sich entwickelt, die Hypothese eines Auseinanderbrechen Belgiens zum Gegenstand von Überlegungen machen. 

Verschiedene glauben, das sei ein Tabu, darüber zu reden.  Darüber nicht zu reden, habe ich vergangenen Dienstag als töricht und verantwortungslos bezeichnet.  Es ist unsere „verdammte“ Pflicht, über diesen Fall eines Auseinanderbrechens Belgiens nachzudenken.  Davon können wir uns nicht befreien, indem wir den Kopf so tief in den Sand stecken, dass wir ihn nicht mehr herausbekommen.  Ich bin und bleibe dabei: Wahrscheinlich ist diese Hypothese nicht. Meine Erfahrung, die immerhin auch schon zwei Jahrzehnte jetzt in einer Regierung dauert, lehrt mich, dass man in Belgien einen Lösungsweg finden wird, aber meine Erfahrung lehrt mich auch, dass das noch nicht in den nächsten fünf Stunden der Fall ist. 

Zweite Überlegung, die ich noch hier formulieren möchte vor der dritten und damit letzten.  Dieses Kolloquium ist natürlich auch eine sehr willkommene Gelegenheit, die Beziehungen zwischen der Deutschsprachigen Gemeinschaft und unserem großen Nachbarn, der Bundesrepublik Deutschland, zu würdigen.  Nach der schwierigen Zeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich unter dem Dach der europäischen Einigung zwischen Belgien und Deutschland insgesamt ein hervorragendes gutnachbarschaftliches und freundschaftliches Beziehungsnetzwerk entwickelt. Es ist doch von einem gewissen Paradoxon gekennzeichnet.  Das ist mir heute noch einmal aufgefallen, als ich auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Hannover einen Vortrag zur Bedeutung des Logistik- und Transportwesens im Benelux-Raum halten durfte.  Es gibt starke Verflechtungen zwischen Deutschland und Belgien und den Benelux-Staaten insgesamt, aber es gibt noch eine Menge an Entwicklungspotential, um die Beziehungen auf kultureller, wissenschaftlicher, administrativer und politischer Ebene weiter zu entwickeln.  Es ist wirklich so, wie eben zitiert wurde, Belgien ist und bleibt für viele Deutsche noch die große Unbekannte. Da müssen wir entschieden mehr für tun, dass das anders wird.

Zwischen der Deutschsprachigen Gemeinschaft und Deutschland ist die Situation selbstverständlich und naheliegend eine völlig andere.  Vielfältige, individuelle Beziehungen bestehen sowohl im privaten, als auch im beruflichen und gesellschaftlichen Bereich. Wir pflegen zu unseren deutschen Nachbarn auf allen Ebenen vertrauensvolle Beziehungen.  Diese haben sich gerade in den letzten Jahren noch bedeutend weiterentwickelt und intensiviert.  Sie sind mit der  Autonomie der DG stetig gewachsen. 

Deshalb möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen Herr Botschafter persönlich, aber auch stellvertretend für alle in Ihrem Lande, die dazu beitragen, für diese positive Entwicklung auf das Herzlichste zu danken.  Es ist nicht immer evident, eine Partnerschaft zwischen 80 Millionen Menschen und 75.000 Einwohnern zu organisieren.  Es ist auch nicht immer eine Frage der Größenordnung. Wobei man natürlich auch so realistisch sein muss und diese Größenordnung niemals völlig aus dem Blickfeld verlieren darf. 

Gemeinsam mit der Bundesregierung, mit den Landesregierungen, mit den angrenzenden Kreisen, jetzt neuerdings mit der StädteRegion Aachen, um nur einige Beispiel zu nennen, die sich aber auch für den rheinland-pfälzischen Raum, der hier näher liegt, wiederholen lassen, gemeinsam mit all diesen Partnern, gelingt es tagtäglich, ohne irgendeine diplomatisch protokollarische Überladung, ganz konkret die Menschen in Deutschland und Belgien in die Lage zu versetzen, dass gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten im Grenzraum möglich wird und sich weiter ausdehnen kann.  Da, glaube ich, dass wir schon eine konkrete Rolle bei der europäischen Integration wahrnehmen können.  Es wäre ein abendfüllendes Programm, all diese konkreten Dinge aufzuzählen.  Einige sind eben schon zitiert worden.  Ich möchte es dabei, was das Zitieren von Beispielen angeht, belassen.

Deutschland ist für die DG sicherlich der wichtigste Partner bei der Umsetzung unserer Strategie in Sachen Außenbeziehungen, die wir im Jahre 2006 im Parlament vorgestellt haben, die wir ja seitdem sehr zielstrebig und konsequent umsetzen, auch wenn damals nicht alle mit dieser Strategie einverstanden waren.  Ich möchte mich nicht dauernd wiederholen, denn sonst hätten wir schon wieder dieselbe Diskussion, die wir vorhin mit dem Nachdenken über den „Plan B“ hatten.

Dass wir nicht alle öffentlichen Aufgaben, mit denen wir zu tun haben, alleine mit eigenen Mitteln, mit eigenen Instrumenten lösen können, das ist ein ganz normales Schicksal einer kleinen Region mit Gesetzgebungshoheit.  Kooperation und Erfahrungsaustausch gehört für uns ganz einfach zur Überlegungsstrategie.  Viele Leistungen, die hier erbracht werden, lassen sich viel besser in Kooperation mit den Nachbarn erbringen.  Das ist übrigens nicht immer nur eine Einbahnstraße – auch wenn wir natürlich sehr oft auf Dienstleitungen der Nachbarn zurückgreifen.  Wenn wir z.B. mit den Nachbarn im Aachener Raum jetzt dafür gesorgt haben, dass die Fleischer- und Bäckermeister für den Aachener Raum in Eupen ausgebildet werden (theoretische Ausbildungen), dann ist das ein schönes Beispiel, wie es in die andere Richtung einmal gehen kann. 

Gemeinsam ist uns auch das Anliegen, die deutsche Sprache in Europa in ihrer Position zu stärken.  Auch da sind wir nicht der größte Partner, aber es ist wichtig, dass diese Arbeit für die deutsche Sprache nicht nur von Deutschen gemacht wird aus der Bundesrepublik Deutschland.  Es ist ganz wichtig, dass bei einem Auftritt in Europa auch aus Belgien jemand dabei ist, aus Österreich, aus Italien.  Das bringt die ganze Sache noch viel besser auf den Punkt.  Wir sollten da durchaus ein vernünftiges Maß an Selbstbewusstsein an den Tag legen. Immerhin ist Deutsch die am meisten gesprochene Muttersprache in Europa.

Bei der anstehenden Reform der europäischen Kohäsionspolitik haben wir gemeinsame Interessen.  Das wurde noch deutlich, als ich im Frühjahr diesen Jahres, gemeinsam mit meinem Kollegen Herrn Rudy Demotte, Ministerpräsident der Französischen Gemeinschaft und der Wallonischen Region, in Berlin die Gelegenheit hatte, mit Vertretern der Bundesregierung und mit der gesamten Konferenz der Ministerpräsidenten der deutschen Länder zu konferieren und da einige Dinge im Rahmen und im Hinblick auf die belgische Präsidentschaft der EU im zweiten Halbjahr 2010 auf den Punkt zu bringen. 

Schließlich möchten wir unsere Bindegliedfunktion ganz konkret immer wieder da ausüben, wo wir einen Beitrag dazu leisten können, dass mehr Kontakte zwischen Belgien und Deutschland entstehen.  Da spielt in der Tat unsere gemeinsame Vertretung mit der Wallonischen Region in Berlin eine ganz hervorragende Rolle. 

Ich möchte auch die Gelegenheit wahrnehmen, um Herrn Dr. Förster und seinem Team (drei sehr fleißigen Damen, die dort arbeiten) auf das Herzlichste für den großen Einsatz zu danken, der da an den Tag gelegt wird.  Das ist keineswegs Routinearbeit.  Da wird wirklich „malocht“, wie man es in der Umgangssprache sagt.  Es sind Erfolge da! Wir haben sie u.a. messen können an den beiden Frühlingsempfängen, die wir in Berlin organisierten, immer bei prominenten Gästen, einmal im Roten Rathaus des Landes Berlin (rot ist jetzt nicht nur politisch, sondern es war schon rot zu Zeiten, wo noch eine schwarze Regierung in Berlin war, also es dieser Bau, der da gemeint ist) und im letzten Jahr in dem wunderbaren Gebäude, was man die Botschaft des Westens in Berlin nennt, die Landesvertretung des Landes Nordrhein-Westfalen.  In 2011 werden wir bei den Pfälzer Nachbarn zu Gast sein.  Daran zeigt sich, dass die Deutschsprachige Gemeinschaft Kontakte knüpfen und aufnehmen kann.  Ich muss ehrlich sagen, mir geht es langsam aufs Gemüt dann als einzige Bemerkung hierzulande in gewissen politischen Kreisen manchmal zu hören, wie viel hat das denn gekostet?

Dritte und letzte Bemerkung… die Geschichte unserer Region und das gemeinsame Schicksal, das wir über Jahrzehnte hier erlebt haben ist das, was uns eint, was uns zusammenbringt, in einer Region, die aus zwei Teilen besteht, deren Geschichte übrigens sehr unterschiedlich war.  Aus diesem Grunde ist das sich Befassen mit der eigenen Geschichte von ganz großer Bedeutung und nicht nur von wissenschaftlichem Wert.  Es hat eine ganz große Funktion beim Zustandekommen einer regionalen Identität dieser Menschen hier im Grenzland, seit Menschengedenken, wie einmal ein Titel eines wichtigen Beitrages zur Regionalgeschichte aus den 90er Jahren überschrieben war.

Unter regionaler Identität kann man sehr vieles verstehen.  Es ist ein sehr komplizierter Begriff.  Wir haben es schon alle schwer, unsere individuelle Identität auf den Punkt zu bringen.  Gewisse brauchen dazu lebenslang einen Psychiater, um damit klar zu kommen.  Wenn wir dann von kollektiven Identitäten sprechen, ist es noch sehr viel schwieriger.  Das können wir aber jetzt hier nicht alles vertiefen.  Tatsache ist, dass wir einen gefestigten, selbstbewussten, aber auch selbstkritischen Umgang mit diesem Thema der eigenen Identität, mit dem, was unsere Heimat uns bedeutet haben müssen, und dass sowohl die Bevölkerung, als auch die Behörden, speziell die Gemeinden und Gemeinschaft, auf das Höchste gefordert sind.  Das ist eine wichtige Voraussetzung, um sich in die eigene Zukunft hineinzudenken. Dazu bedarf es einer Geisteshaltung der großen Offenheit. 

Eine regionale Identität kann nicht einfach so verordnet oder geschaffen werden.  Sie muss wachsen.  Sie muss sich manchmal sehr qualvoll entwickeln.  Sie muss sich immer wieder selbst in Frage stellen. Sie wird sicherlich gerade in unserer Region hier ganz wesentlich bestimmt werden von unserer Grenzlage.  Natürlich ist die deutsche Sprache und Kultur die Grundlage.  Das Besondere, das wesentliche Alleinstellungsmerkmal dürfte sein, dass dies alles in einem Grenzraum geschieht, der reich an Beziehungen, Kontakten und Wechselwirkungen ist. 

Natürlich ist schon sehr viel an der Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft gearbeitet worden, unter den verschiedensten Kontexten.  Es gibt hervorragende Geschichtsabhandlungen und -projekte.  Aber wir möchten da einen Schritt weitergehen, indem wir einerseits kein Stück dieser  Geschichte zum Tabu erklären. (Ich habe es eben schon gesagt, ich habe etwas gegen Tabus).  Auch die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg darf kein Tabu mehr sein.  wir müssen uns systematisch mit der Geschichte beschäftigen.  Wir müssen sie wissenschaftlich solide bearbeiten, aber auch so darstellen, dass die Leute das verstehen können, was dabei herauskommt, dass es Ihnen Spaß macht, das zu lesen, was es da gibt. 

Ein solches Beispiel haben wir vor kurzem noch erlebt.  Ich war zu Gast in einigen kleineren Gemeinwesen, Liechtenstein und Andorra gehörten dazu, auch der Kanton Schaffhausen in der Schweiz. Ich habe noch nie so eine intensive Geschichtsarbeit gesehen, wie die, die ich dort erlebt habe, zu Beginn des 20. Jahrhunderts begonnen hat und die jetzt immer wieder fortgesetzt wird.  Wir möchten auch in unserer Region hier einen solchen Prozess im Gange bringen, in dem wir uns als Bestandteil unseres Regionalen Entwicklungskonzeptes und dessen Umsetzung mit der eigenen Geschichte beschäftigen, in einem Langzeitprogramm, in verschiedenen Phasen, so wie es sich gehört, nach Epochen aufgeteilt, aber auch mit dem Blick für das Ganze. 

Da werden wir jetzt erste konkrete Initiativen starten. Wir hoffen erste konkrete Ergebnisse im Jahre 2013 und 2014 auf den Tisch zu legen.  Dieses Datum ist keineswegs zufällig gewählt.  Dann wird das Parlament der DG sein 40jähriges und die Regierung der DG sein 30jähriges Jubiläum feiern.
Mit der Organisation der heutigen und morgigen Veranstaltung möchten wir zum Ausdruck bringen, dass die Auseinandersetzung mit der Regionalgeschichte sich lohnt, dass es ein wichtiges Anliegen ist, und dass wir es auch nicht nur mit dem Blick auf uns selbst, sondern mit einem Blick weit um uns herum machen müssen und am besten auch mit kompetenten Partnern.  Einen solchen kompetenten Partner haben wir ja nun dieses Mal im Goethe-Institut in hervorragender Weise gefunden.

Meine Damen und Herren,

ich wünsche Ihnen allen interessante Erkenntnisse heute Abend und für diejenigen, die morgen hier sind, auch dann morgen tagsüber.  Ich hoffe jetzt, dass wir mit den beiden Vorträgen von Herrn Prof. Herbert und Herrn Miessen noch einiges zur geschichtlichen Vertiefung unserer eigenen Geschichte erleben werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!