Reden

Grenzen überwinden: Auf der Suche nach einer Identität für Europa


Grenzen überwinden: Auf der Suche nach einer Identität für Europa

23/04/2010

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Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zuallererst wünsche ich Ihnen einen schönen guten Abend! Im Gegensatz zu Ihnen darf ich in die wunderbare grüne Natur hineinschauen.  Sie müssen sich mit meinem Gesicht zufrieden geben, zumindest für einen Teil des Abends. Ich hoffe, dass es mir gelingen wird, Sie nicht allzu sehr zu langweilen.

Ich bin heute in der Tat zum zweiten Mal in relativ kurzer Zeit hier in Kassel.   Ich erinnere mich noch gerne an den ersten Besuch, bei dem wir die große Ehre hatten, für unsere Region und deren Arbeit mit der deutschen Sprache ausgezeichnet zu werden.  Heute verdanke ich wahrscheinlich meine Anwesenheit hier nicht zuletzt der Tatsache, dass Frau Mertes zwei Dörfer neben mir geboren ist, wir also aus einer Gegend kommen, die wir noch ohne weiteres als die gemeinsame Heimat bezeichnen können. 

Ich habe gerade soeben erfahren, dass uns darüber hinaus die Begeisterung für den rheinischen Karneval verbindet, der in meiner Heimat sehr groß geschrieben wird, und um den ich mich auch schon – zumindest in dem Sinne, außerordentlich verdient gemacht zu haben glaube – weil ich vor einigen Jahren beschlossen habe, in einer zugegebenermaßen etwas angeheiterten Laune alle zwei Jahre in Brüssel eine große rheinische Kappensitzung zu organisieren.  Das ist beim ersten Mal zur Zeit der deutschen EU-Präsidentschaft sehr gelungen.  Es gab den Besuch von 180 uniformierten Deutschen auf der „Grand-Place“ in Brüssel.  Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, was das bedeutet. Die Roten Funken aus Köln waren dort angetreten und haben da einen sehr begeisterten Auftritt gemacht.  Es ist uns gelungen, in dem europäischen Milieu dort für den rheinischen Karneval zu werben. Etwas, was große Begeisterung hervorgerufen hatte und das wir in Zusammenarbeit mit dem Festkomittee Kölner Karneval, jetzt alle zwei Jahre regelmäßig und zum dritten Mal am 29. Januar 2011 machen werden.  Ich lade Sie ganz herzlich dazu ein, wenn Ihnen danach ist. Ich kenne zwar auch die Unterschiede zwischen dem rheinischen und dem hessischen Karneval, aber all das hat viel mit Identität zu tun und darüber wollte ich Ihnen ja heute Einiges sagen.

In der Tat, überall dort, wo ich die Gelegenheit habe, aufzutreten, oder Reden zu halten, muss ich mich meistens mit der Tatsache abfinden, dass die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens relativ unbekannt ist.  Wie unbekannt, kann ich dann meistens an einer Testfrage noch etwas ergründen. Wenn die Gäste mich fragen: „Wie spricht man eigentlich belgisch? Dann weiß ich, dass ich einiges zu erklären habe.  Das erlaubt mir meistens auch den richtigen Einstieg. 

Belgien ist ein Vielvölkerstaat, in dem im Wesentlichen zwei Sprachen gesprochen werden: Französisch und Niederländisch; indem es aber auch, seit nun ziemlich genau auf das Jahr präzise, seit 1920, eine deutschsprachige Minderheit gibt.  Das trägt natürlich dann trotz der Tatsache, dass diese Minderheit nur 0,7% der Gesamtbevölkerung ausmacht, immerhin zu einem Drittel zur Vielfalt des Landes bei (wenn man dabei die Sprachen meint, die die Menschen sprechen, die nicht erst in den letzten Jahrzehnten hinzugezogen sind). 

Belgien ist ein Vielvölkerstaat, ein Land, das auch schon mal richtig Probleme mit dieser Tatsache hat, genauso wie das in anderen Vielvölkerstaaten der Fall ist.  Ein Land,  das zurzeit große Probleme hat, da es seit zwei Tagen wieder eine Regierungskrise gibt, die das Verhältnis zwischen Flamen und Wallonen betrifft und in dem in den nächsten Stunden, Tagen, versucht wird, das Ganze nach einer gewissen Dramatisierung, (die dazu gehört), wieder in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken. Sicherlich wird das gelingen, denn die Tatsache, dass wir kurz vor der Europäischen Präsidentschaft Belgiens stehen, ist ja nun ein Grund, der es nicht gerade erlaubt, eine längere Regierungskrise zu erleben.  Das wird das Problem natürlich auch nicht lösen, denn der Hintergrund dieses  Themas, dieser Probleme in Belgien, ist schon sehr real, sehr ernsthaft und hat auch sehr viel mit dem Thema zu tun. 

Wenn ich das begriffliche Gebilde „Europäische Identität“ hier in den Titel hinein gebracht habe, hat das auch etwas damit zu tun, dass Europa wie Belgien sich u.a. durch seine kulturelle Vielfalt auszeichnet und von ihr geprägt ist.  Wo kulturelle Vielfalt herrscht, wo verschiedene Identitäten aufeinander stoßen, gibt es auch Konflikte.  Da kann es sogar sehr große Probleme geben.  Da ist die entscheidende Frage immer die, ob dieses Vielfältige zu Zank, Streit, Unverständnis und Missverständnissen führt oder aber als etwas sich entwickeln lässt, wo Gemeinsamkeiten, wo Komplementarität und gegenseitige Bereicherung im wörtlichen und im übertragenen Sinne dieses Wortes stattfindet.  Das wiederum hat sehr viel etwas damit zu tun, ob es gelingt, Grenzen zu überwinden.

So habe ich Ihnen zumindest erklärt, wie man von der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens zum Titel des heutigen Vortrags kommt.  Nach 7:04 Minuten ist langsam an der Zeit, mit dem eigentlichen Thema anzufangen. Ich möchte trotzdem noch ein Wort zur Deutschsprachigen Gemeinschaft sagen, weil das der Hintergrund ist, auf dem ich die paar Ideen, die ich zum eigentlichen Thema hier loswerden möchte, entwickele.

Die Deutschsprachige Gemeinschaft ist etwas, was man im deutschen Sprachgebrauch nicht auf dem ersten Blick erkennen kann.  Immer dann, wenn in Belgien eine Krise herrscht, gebe ich mindestens sechs oder sieben Rundfunk- oder Fernsehinterviews in deutschen Medien – alleine schon deshalb, weil ich zu den Belgiern gehöre, die Deutsch können.  Das ist ja nicht Jedermann. Heute Morgen war es das DeutschlandRadio wieder einmal.  Die wollten wissen, „was denn Sache ist“.  Es ist immer dasselbe Ritual:  sie rufen um 6:45 Uhr an, um 6:50 Uhr ist das Interview, welches  genau 5:30 Minuten dauern darf. 

Heute Morgen ging’s wieder um diese Frage.  Ich habe mich zum ersten Mal wirklich über den Journalisten ein bisschen aufgeregt (zumindest habe ich mich so benommen).  Es ging wieder los: „Ja und jetzt hören wir den Ministerpräsidenten der Deutschen Gemeinde in Belgien!“  Das regt einen unwahrscheinlich auf, wenn man zum x-ten Mal erklärt hat, dass wir keine Deutschen, sondern deutschsprachige Institutionen sind; und zweitens, dass wir keine Gemeinde, sondern eine Gemeinschaft sind.  Dann habe ich ihm das mal etwas „deftiger“ gesagt.  Daraufhin sagte er, er hätte es jetzt verstanden, worauf ich dann antwortete: „Hoffentlich behalten Sie es auch!“ 

Der Hintergrund ist natürlich ganz einfach.  Mit dem Begriff „Gemeinschaft“ kann man im deutschen Sprachgebrauch eine Menge anfangen.  Darunter kann man sich die tollsten Sachen vorstellen.  Sie können an sich selbst denken; sie können aber auch an eine Religion, an Sekten oder an Kegelklubs denken.  Wenn Sie juristische Vorbildung haben oder irgendwie vorbelastet sind, fällt Ihnen vielleicht sogar ein eheliches Güterrecht ein (oder so etwas in der Art).  Aber an eines werden Sie mit dem Begriff „Gemeinschaft“ sicherlich nie denken, nämlich an das, was sie in Ihrem Sprachgebrauch – auch im österreichischen – ein Bundesland nennen. „Gemeinschaft = Bundesland“, das passt im deutschen Sprachraum nicht zusammen.  Aber genau das ist in Belgien die Bedeutung des Begriffes „Gemeinschaft“, zumindest dann, wenn man sich auf die „Terriologie“ der Belgischen Verfassung beruft. 

In Belgien heißen die Bundesländer „Gemeinschaften und Regionen“.  Warum es zwei Arten von Bundesländern in Belgien gibt (…und auch nur in Belgien weltweit), ist eine Sache, die ich Ihnen nur dann erklären kann, wenn Sie mir noch einmal eine Einladung zu einem Vortrag schicken – dann erst kann ich Ihnen das ebenfalls erzählen oder  Ich lasse es Ihnen aber auch schriftlich zukommen.  Das ist vielleicht besser. 

Das Ganze hat etwas mit dem Konflikt in Brüssel zu tun:  in Belgien hat man zwei Arten von Bundesländern geschaffen, um das Brüsseler Problem zu lösen. Dieses ist ein sehr großes Problem… Warum? Weil Flamen und Frankophone zu Brüssel völlig inkompatible Auffassungen haben. So ähnlich, wie das etwa die Israelis und Palästinenser zu Jerusalem praktizieren. Wenn man sich die sehr komplexen Lösungen anschaut, die man gefunden hat, um dieses Problem zu lösen, würde man übrigens auch für Jerusalem einige interessante Denkanstöße finden. 

Ich habe mal vor einigen Jahren an einem sehr vertraulichen Seminar der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh teilgenommen, um gerade dieses Thema zu erörtern.  Wir sind auch zu der Schlussfolgerung gekommen, dass es viele Parallelen gibt, die man ziehen kann, wenn eben zwei Volksgruppen zum selben Staat völlig verschiedene Auffassungen haben und jede es als ihre – unter Ausschluss der Anderen eigentlich – ansieht, und man es trotzdem gemeinsam irgendwie hinkriegen muss, ein Gemeinwesen aufzubauen.  Aus Brüssel kann man sehr viel lernen. Was die Palästinenser und die Israelis vielleicht unterscheidet, ist, das wenn man das  Brüsseler Modell einführt, natürlich keine Bomben und keine Selbstmordattentäter in die Gegend schicken darf. So passt das nicht mehr zusammen.  Ansonsten würde es eigentlich ganz gut klappen. 

Auch bei anderen Themen, als es darum ging, kurz vor dem EU-Beitritt die Sprachenfrage in Zypern zu lösen – was ja nicht gelungen ist – hat man sehr lange vom belgischen Modell gesprochen.  Der damalige Generalsekretär der UNO hat jedoch in den letzten Communiques „belgisches Modell“ durch „Schweizer Modell“ ersetzt.  Darüber haben wir uns damals sehr geärgert, denn daraus wäre nämlich eine schöne PR-Aktion geworden, wäre es denn gelungen!  Stellen Sie sich vor, das Vorhaben hätte geklappt, dann würde alles vom Schweizer Modell für Zypern reden.  Jetzt redet man immer nur noch von den Konflikten, die da sind.  Dies dient jedoch nur der Verdeutlichung, dass es immer schwierig ist, wenn so verschiedene Volksgruppen zusammen leben.  Daraus ergeben sich Schlussfolgerungen für Gesamteuropa.  Aber zurück zur Deutschsprachigen Gemeinschaft…
Das ist (mit Abstand) das kleinste Bundesland in Belgien und liegt im Osten des Landes. Seit 1920 ist es Teil Belgiens. Vor dem Versailler Vertrag gehörte das Gebiet zu Deutschland.  Es hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich, weil nämlich diese Eingliederung in Belgien, nachdem es im ganzen Prozess der Besetzung und auch der Annektierung von gewissen Teilen Europas durch Hitler-Deutschland hineingeraten ist, sehr schwierig war und folglich eine schwere Nachkriegszeit gehabt hat. Als alles vorbei war, fingen für viele Menschen die Probleme erst wieder an:  All diejenigen, die aus meiner Heimat als Zwangssoldaten des annektierten Teils Belgiens an die Ostfront geschickt worden sind und die das Glück hatten, zurückzukommen (das war auch nur ein Teil derer, die dorthin geschickt wurden), hat man dann nachher als Vaterlandsverräter noch einmal in Belgien vor die Gerichte gestellt usw. Eine sehr bewegte Zeit – das Ganze ist dann in andere Bahnen gegangen, als man wegen des Konfliktes zwischen Flamen und Wallonen anfing, Belgien in einen Bundesstaat umzuwandeln.  Seit dem Zeitpunkt hat sich daraus etwas ergeben, was eigentlich sehr einfach ist – wenn man es nachvollziehen will – und für die Menschen und Möglichkeiten in meiner Heimat von großer Bedeutung ist. 

Jedes Mal, wenn Flamen und Wallonen sich auf irgendeinen Kompromiss im Zusammenleben geeinigt haben, ihre Autonomie dadurch immer wieder weiter ausbauten, haben wir gesagt: „So, jetzt habt ihr euch geeinigt, jetzt braucht ihr uns nur noch dasselbe zu geben, was ihr euch selbst nehmt, denn dann sind wir uns einig.“

Das klappt eigentlich ganz gut.  So ist eben die Deutschsprachige Gemeinschaft das kleinste Bundesland Belgiens geworden. Übrigens, in den europäischen Föderalstaaten schlechthin, das kleinste überhaupt (zumindest, wenn man die EU nimmt).  Wenn die Schweiz beiträte, was aber noch nicht für morgen früh geplant ist, dann gäbe es noch sechs Kantone, die noch kleiner sind als die Deutschsprachige Gemeinschaft.  Es ist immer schön, wenn man Leute kennt, die größer sind als man selbst, aber es ist auch nett, wenn man sagen kann: „Ich bin auch noch größer als ein paar andere“.

Wenn sich die Deutschsprachige Gemeinschaft sich mit ihrem Nachbarn trifft, mit dem größten deutschen Bundesland (Nordrhein-Westfalen), dann sieht das schon manchmal etwas surrealistisch aus: wenn der Ministerpräsident von 18 Millionen Menschen sich protokollgemäß mit demjenigen, der länger Ministerpräsident als er ist, also dann an Numero 2 steht, mit dem der Deutschsprachigen Gemeinschaft trifft, dann hat das etwas Surrealistisches. Um zu verhindern, dass man bei solchen Sachen depressiv wird, habe ich immer so manche Vergleiche: dann stelle ich mir diese Fernsehbilder vor, die man auch kennt. Jean-Claude Junker, der Premierminister Luxemburgs zu Besuch in Russland oder gar in China.  Also der Besuch in Russland ist sehr interessant.  Er hat mir mal erzählt, wie dort der Ablauf ist, wenn Putin seine Staatsgäste in seine Privatkapelle im Kreml führt – das muss sehr interessant sein.

In China ist das natürlich noch interessanter:  dort hat der Premierminister eines Landes, dessen Bevölkerung 0,0003% des Gastgebers ausmacht, die Gelegenheit doch auf gleicher Augenhöhe zu diskutieren.  Die Luxemburger haben sogar den Chinesen luxemburgischen Wein verkauft.  Das ist eine Leistung!  Einmal sagte mir Herr Junker: „Ja stell dir mal vor, wenn jetzt jeder Chinese jeden Tag ein Glas luxemburgischen Wein tränke, was das ein Umsatz wäre. Das könnten wir gar nicht machen!“  Dann habe ich ihm eher scherzhaft gesagt – aber der belgische Botschafter, der mit mir war, hatte das nicht so vom Scherzhaften her richtig  mitbekommen –  ich sagte: „Das ist keine Gefahr… ein bisschen Geschmack haben die Chinesen auch…“  Das war natürlich eine Beleidigung des luxemburgischen Weines. Das habe ich auch direkt korrigiert, indem ich mit Lob die Kiste Wein als Geschenk annahm, die der Premierminister eh für mich vorgesehen hatte.  Denn die Luxemburger sind mittlerweile mit dem Wein sehr gut geworden. Das muss man ganz ausdrücklich sagen!  Das war eine Bemerkung, die fast zu einer Irritation in den Verhältnissen zwischen Belgien und Luxemburg geführt hätte. 

Wie gesagt, wir sind ein kleines belgisches Bundesland.  Wenn Sie es genau wissen wollen: 75.496 Einwohner am 1. Januar d.J.  Sie sehen, wir verfolgen das sehr genau.  854km2.  Das kann man leichter behalten, das ändert sich weniger oft, sehr dünn besiedelt, im Osten Belgiens, dazu noch in zwei Unterregionen aufgeteilt, weil nämlich zwischen dem nördlichen Eupener Land und der belgischen Eifel, die sehr schöne, auch europäische hervorragende, herausragende Hochmoorlandschaft des Hohen Venns liegt.  Wenn Sie mal irgendwo spazieren gehen möchten, wo Sie sogar sagen können, ich verschwinde, weil ich mich im Moor verlaufen habe und dort untergetaucht bin, dann können Sie das glaubhaft dort exerzieren.  Sie müssen es allerdings so machen, dass Sie in irgendein anderes Land der Welt verschwinden und es dann gut organisiert haben.  Denn es gibt immer wieder mal Menschen, die verschwinden im Hohen Venn.  Die werden gesucht und tauchen nie mehr auf.  Es gibt auch schon mal scheinbar welche, die machen das aus Gründen, die damit zu tun haben, dass man ja nicht so leicht ein neues Leben anfangen kann mit einer alten Identität – wenn man nicht zwischendurch zumindest virtuell gestorben ist.

Dieses kleine Gebiet ist das Territorium, auf dem die deutschsprachige Minderheit in Belgien lebt.  Trotz ihrer Kleinheit hat sie einen großen Vorteil etwa anderen Minderheiten gegenüber wie z.B. den Sorben in Brandenburg und Sachsen, die ungefähr dieselbe Zahl Menschen umfassen.  Das Gebiet ist sehr homogen.  Es leben praktisch nur Deutschsprachige dort, zumindest sind sie die ganz eindeutige Mehrheit in ihrer eigenen kleinen Region, was mit einer Streuminderheit, wie in Sachsen und Brandenburg, in der Ober- und Niederlausitz ja das nicht der Fall ist.  Das ändert natürlich alles, auch von den Möglichkeiten her, etwas zu entwickeln.  Es ist also eine Minderheit, die ein Territorium hat und die aufgrund der Entwicklung Belgiens in diese Situation kommt, dass sie hochrangige gliedstaatliche Zuständigkeiten hat; eben die eines Bundeslandes im Rahmen der Besonderheiten des belgischen Föderalismus. 

Noch prägender ist natürlich für diese Region die Tatsache, dass sie eine Grenzregion ist.  Eine Grenzregion, die mit vielfältiger Nachbarschaft zu tun hat.  Fangen wir im Norden an: Dort grenzen wir an das Königreich der Niederlande (Limburg); sie dürfen nie einem Limburger sagen er sei ein Holländer!  Der wird dann sehr böse auf Sie schauen.  Das ist so, wie wenn Sie einem Franken sagen, er sei ein Bayer!  In Hessen gibt es auch so, glaube ich, regionale Besonderheiten, die kenne ich aber nicht so gut; im Osten zwei deutsche Bundesländer (Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz). Zwischen beiden bestehen große Unterschiede. 

Wir haben eine grenzüberschreitende gemeinsame Zukunftsinitiative: „Eifel“. Wenn man dort zusammen sitzt, kann man so richtig erleben, was es heißt, wenn selbst in einem landschaftlich homogenen Raum, wie in der Eifel, so unterschiedliche Strukturen (Bundesländer) zusammen kommen.  Das ist ein richtiges „Aha-Erlebnis“.  Manchmal sind die Unterschiede zwischen der belgischen Eifel und den beiden deutschen Eifelteilen sehr viel leichter zu überbrücken als die komplexe Situation zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz; des Weiteren haben wir im Süden den Nachbarn, den ich bereits erwähnte, das Großherzogtum Luxemburg, ein Staat, der ein hohes Ansehen und auch sehr interessante Perspektiven hat; im Westen grenzen wir an all das, was Belgien zu bieten hat: an Flandern – es sind nur ein paar Kilometer, die uns vom flämischen Gebiet treffen – und an die Wallonie.  Wenn Sie das alles zusammenzählen, dann sind Sie so reich an grenzüberschreitender Vielfalt, wie Sie es nur an wenigen Stellen auf der Welt überhaupt sein können.  Das ist etwas ganz Besonderes.  Es hat sehr viel mit dem zu tun, was ich zum Thema „Grenzen und Identität“ (auch und gerade in einem europäischen Kontext) sagen möchte. 

Identitäten sind etwas sehr Komplexes.  Wenn schon Menschen sich die Frage stellen: „Wer bin ich?“ (dabei denke ich jetzt nicht an die Kultsendung von Robert Lemke in meiner Kindheit), ist die Antwort meistens sehr komplex.  Es kann Sie sehr viele Psychiater- und Psychologenhonorare kosten, ansatzweise eine Antwort darauf zu finden, bzw. feststellen zu müssen, dass das alles noch viel komplizierter ist, als Sie eigentlich vorher sich der Tatsache bewusst waren.  Bei diesem Thema (der Suche nach der eigenen Identität) werden Sie vielschichtiges Bewusstes und Unbewusstes entdecken. Sie werden auch entdecken, dass Sie Ihre Identität nur definieren, empfinden und auch überhaupt leben können in Abgrenzung zu anderen.  Das ist ein äußerst komplexer Prozess. Wenn Sie darüber mehr wissen wollen, fragen Sie die Psychotherapeuten und die Psychiater, die können Ihnen das viel besser erklären als ich.

Wenn man aber jetzt von „kollektiven Identitäten“ spricht (Identitäten einer Region):  „Was ist die Identität Nordhessens zum Beispiel?“  oder „Was ist die Identität einer Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens?“, kommen Sie in noch eine ungleich komplexere Situation.  Sie kommen nämlich zuerst in die Situation, sich fragen zu müssen, ob es überhaupt kollektive Identitäten gibt?  Das ist so wie die Antwort auf die Frage: Wie bekämpfe ich das Ungeheuer von Loch Ness? Vielleicht stellt man sich zunächst besser einmal die Frage: Gibt es überhaupt das Ungeheuer von Loch Ness?  Zum Glück für den dortigen Tourismus kann man sagen, es gibt es, aber man wird es nie sehen und soll weiter suchen.  So ähnlich ist es auch, vielleicht jedoch ein bisschen übertrieben mit kollektiven Identitäten. 

Jeder von Ihnen wird wahrscheinlich spüren, dass der Bezug zur Heimat irgendetwas (ein Begriff, den es übrigens nur in der deutschen Sprache gibt) Gemeinsames beinhaltet.  Wenn Sie das definieren müssen, wenn Sie die Identität einer Region identifizieren, beschreiben und unterscheiden müssen, kommen Sie in eine sehr komplexe Geschichte hinein.  Dennoch stellt man fest, dass überall in Europa dieses Bedürfnis nach einer stärkeren regionalen Identität – auch und gerade in Zeiten zunehmender Globalisierung – nicht abnimmt und verschwindet, sondern stärker wird.  Das ist ein hochinteressantes Phänomen.  Ich habe die Gelegenheit gehabt, dazu,  vor zwei Jahren einen Bericht für den Europarat zu schreiben.  In den internationalen Organisationen ist es ja das höchste der Leistungen.  Man schreibt einen Bericht und hat damit die Probleme gelöst…  man kann sich weiter die Frage stellen: Welchen Bericht schreibe ich als Nächstes?

Wir haben uns im Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarates mit dem Thema der regionalen Identität – auch aus der Perspektive der 47 Mitgliedsstaaten – etwas näher beschäftigt und dort diese Tendenz ebenfalls ganz klar erkannt.  Die regionale Vielfalt in Europa ist etwas ganz außerordentlich stark Präsentes, auch sehr unterschiedlich Gestaltetes.  Da gibt es kaum etwas, was dem Anderen gleicht. Wenn Sie das ein bisschen aus der Vogelperspektive betrachten, werden Sie feststellen, dass es überall ein Erstarken dieser Bezüge zur regionalen Wirklichkeit gibt.  Ich führe das darauf zurück, dass der Wunsch, das Bedürfnis, regionale Besonderheiten zu erleben, gemeinsam zu erleben, sich damit auch zu identifizieren, sich durch und mit einer Region zu identifizieren etwas ist, was praktisch die andere Janusseite des Globalisierungsprozesses ausmacht.  Je weltweiter vernetzt Sie sind, desto mehr verspüren Sie die Notwendigkeit irgendeiner Verankerung.  Es gibt Menschen, die sich als Weltbürger bezeichnen und die sagen, sie hätten überhaupt keine Verankerung und sie wären überall gleichermaßen zuhause. Das stimmt aber nur in den seltensten Fällen.  Ich erlebe viel mehr bei den weit über tausend Menschen etwa, die ich in einem Netzwerk „Ostbelgier in der Welt“ (Menschen aus meiner Heimat, die irgendwo in die Welt ausgeschwirrt sind, so wie Frau Mertes) kenne, die entgegengesetzte Richtung, dass also gerade die Menschen, die nicht mehr in ihrer Ursprungsregion leben, zu dieser eine besonders, manchmal sogar eine etwas idyllische Beziehung haben, und sehr eng zu dieser Region weiterhin in Kontakt bleiben, was man übrigens dann zu einem tollen Netzwerk bilden und nutzen kann, gerade in Zeiten der Globalisierung.  Diese auf den ersten Blick als Widerspruch erscheinende Ambivalenz zwischen weltweiter Globalisierung und regionaler Verankerung ist etwas sehr Reales in der heutigen Welt.  Es ist in vielfältiger Weise zur Gestaltung gesellschaftlicher, polischer und wirtschaftlicher Prozesse von erheblicher Bedeutung.  Wenn man dieses Phänomen etwas näher vertieft, wird man feststellen, dass das alles unwahrscheinlich viel mit dem Begriff „Grenze“ zu tun hat. 

Wie ich eben schon erwähnte, Sie können sich nur mit einer Identität versehen in Abgrenzung zu irgendetwas anderem.  Die Grenze, die Abgrenzung, festigt gleichermaßen das, was gemeinsam ist und unterscheidet es von dem, was trennt, was andere als ihre Identität erleben.  Deshalb ist das Grenzen überwinden etwas sehr Spannendes.  Es ist sogar das, was letztlich ausmacht, ob eine regionale Identität erfolgreich ist oder aber zu einer Isolation, zu einer Abkapselung und auch zu sehr negativen Entwicklungen führen kann, die im schlimmsten Fall zu kriegerischen Auseinandersetzungen, zu Gewaltanwendung führen. 

Wenn Sie Ihre Identität gefestigt haben, wenn Sie verankert sind, werden Sie in der globalisierten Welt nur dann erfolgreich sein, wenn es Ihnen gelingt, diese Grenzen, die Sie brauchten, um sich selbst zu finden, auch wieder überschreiten, darüber hinaus gehen und dann auch in der Lage sind, andere Identitäten zu verstehen, kennenzulernen, mit Ihnen in Austausch zu treten und auf diese Art und Weise sich übrigens selbst auch in diesem Prozess zu verändern. Das mag alles ein bisschen theoretisch klingen.  Aber das ist etwas, was meines Erachtens sehr geeignet ist, viele Prozesse, die wir in Europa und weltweit erleben, zu verstehen, zu begreifen und dann auch unter anderen Voraussetzungen beeinflussen zu können.  Das ist zumindest meine Erfahrung, die ich in meinen mittlerweile ziemlich genau 20 Jahren Ministerdasein machen konnte.  Ich habe diesen Beruf im Jahre 1990 begonnen, bin dann 1999 Ministerpräsident geworden und habe eigentlich, wenn ich meine ganze Arbeit in all diesen Jahren, sowohl zuhause, in meiner Region, als auch in Belgien oder auf europäischer Ebene, analysiere, vieles gemacht, was zum Teil sogar unbewusst, zumindest nicht von vorne herein bewusst, mit diesem Prozess etwas zu tun hat.  Das ist eine äußerst spannende Geschichte, wenn Sie es dann speziell auf Europa anwenden. 

Warum?  Wenn Sie sich die Karte Europas nehmen und mal flach legen, fällt Ihnen eines, auch im Vergleich zu anderen Erdteilen, direkt auf: Die engmaschige Gestaltung der Grenzen.  Wenn Sie sich Australien anschauen, haben Sie mit Grenzen nicht so viele Probleme, selbst wenn Sie die Provinz (oder wie es dort heißt) nehmen, die Australier nehmen das sehr großförmig.  Die Vereinigten Staaten von Amerika und Amerika insgesamt, sowohl bei der Staaten- als auch bei der Regionalaufteilung, sind zwar auch vielfältig, aber sehr viel großräumiger.  Wenn Sie sich Europa anschauen, sehen Sie alleine bei der Staatenwelt sehr viele Grenzen.  Wenn Sie die Regionalkarte Europas nehmen (mit den 271 Regionen, die es etwa in der EU gibt und wenn Sie dann den Europarat nehmen, ist es fast noch einmal so viel), entdecken Sie dort eine Besonderheit: Sie sehen, dass Europa ganz besonders stark durch innereuropäische Vielfalt gekennzeichnet ist.  Die kommt in sprachlichen, kulturellen, administrativen und politischen Gestaltungsformen in unterschiedlichster Weise zum Ausdruck.  Diese Vielfalt ist auch einer der Gründe dafür, dass es so unwahrscheinlich schwierig ist, diesen europäischen Einigungsprozess problemlos hinzubekommen.  Das wird auch noch eine sehr lange Zeit so dauern.  Man kann übrigens, wenn man das denn unbedingt will, aus der zum Teil auch sehr peniblen innerbelgischen Entwicklungsgeschichte des letzten halben Jahrhunderts eine ganze Menge an Lehren, Parallelen und möglichen Methoden und auch mit Sicherheit zu Misserfolg führenden Vorgehensweisen entdecken.  Dennoch ist das der große Prozess, vor dem Europa steht.  Europa muss zusammenwachsen, wenn es weltweit sich positionieren will, es muss auch zum Bewältigen einiger der ganz großen zeitgenössischen Probleme (ob es der demographische Wandel ist, die Klimathematik oder das ganze Weiterentwickeln des Sozialstaatsmodells), es muss in größeren Kontexten arbeiten, um sich auch kontinental zu positionieren.  Wir haben beim Kopenhagener Klimagipfel gesehen, wie winzig und bedeutungslos Europa plötzlich war, obschon man mit riesen Erwartungen dorthin gegangen war.  Am Ende des Gipfels war es ein chinesischer Vizeminister, den Obama als Gesprächspartner erhielt; die Europäer waren schon gar nicht mehr dabei… also wenn man weltpolitisch etwas verändern will, muss man einige Dinge ändern:  dazu gehört auch das Erstarken Europas – aber das wird nur möglich sein, wenn es gelingt, aus dieser Vielfalt, die Europa prägt, durch das systematische Überwinden von Grenzen eine wirkliche Trumpfkarte zu machen.  Das führt als Nächstes zu dem, was ich immer gerne diese „Europäische Identität“ nenne.

Was ist eigentlich die „Europäische Identität“,  wenn es schon schwierig ist, die individuelle zu definieren?  Wenn man das noch ansatzweise vom Gefühl her hinkriegen kann, was ist dann meine regionale Identität?, so aus Zugehörigkeitsgefühl heraus und aus Gemeinsamkeit mit allen möglichen Dingen, wird es fast unmöglich zu sagen, was ist eine „Europäische Identität?  Das ist ja nichts, was das Andere ersetzt.  Es kann nur etwas sein, was darauf aufbaut.  Deshalb ist die Vielfalt etwa der regionalen Identitäten auch etwas, was einfließt in das, was eine „Europäische Identität“ sein könnte.

Das ist die große Herausforderung, vor der wir in Europa stehen.  Wenn Sie in China sind, erkennen Sie einen Europäer, der dort ist sehr schnell.  Erstens, weil es dort nicht so viele gibt (zumindest weniger als Chinesen). Außerdem sehen sie auch ein bisschen anders aus. Sie werden sich untereinander auch schnell solidarisieren, egal ob das jetzt an der großen Mauer oder irgendwie in einem unbekannten „kleinen“ Städtchen von 10 Millionen Einwohnern in China ist.  Wir werden vor allem erleben, dass der Umgang mit Distanzen, mit Entfernungen, in anderen Kontinenten wie China und Amerika etwas völlig anderes ist als in unserem Europa. 

Ich war mal in Kazan/Tatarstan (eine der Russischen Republiken) und wurde dort gefragt, wo ich herkäme.  Dann habe ich „Eupen“ geantwortet.  Das war schon eine blödsinnige Antwort.  Dann fragte der mich: „Wo ist das denn?“.  Dann sagte ich: „Ja… in Belgien!  Das liegt 134 Kilometer östlich von Brüssel.“  Dann sagte der mir: „Ah so, ein Vorort von Brüssel. Ja aber genau so ist das! Das war für mich eines der Schlüsselerlebnisse in den Smalltalkgeschichten, die ich so erlebt habe (mit Langzeitwirkung).  Ich hatte mal angefangen bei vielen Themen der Politikgestaltung zuhause, zu sagen: „Leute, ihr müsst euch – wenn ihr eure Chancen erkennen wollt – als Vorort von Brüssel verstehen,  denn dann können wir eine Menge machen, an die wir jetzt gar nicht denken.“  Das haben wir einmal angefangen, mit einer Reihe von Sachen.  Man kommt zu ganz überraschenden Ergebnissen und Erfolgen. 

So ist es in Europa insgesamt.  Ich war jetzt vor kurzem noch in Oulu (im Norden Finnlands, 2x anderthalb Stunde Flug).  Wenn ich das vergleiche mit einer Fahrt in China, ist das auch nebenan.  Trotzdem ist es eine ganz andere Welt.  Trotzdem gibt es vieles, was gemeinsam ist.  All das, was ich in Europa erleben kann, was ich entdecken kann, was ich auch an europäischer Vielfalt und Gemeinsamkeit entwickeln kann, das alles kann mir wesentlich dabei helfen, mich zu positionieren, mich zu vernetzen, Dinge gemeinsam zu machen und auch Probleme anzupacken, die man in kontinentalen Dimensionen sehen muss.  Das ist eine der spannenden Herausforderungen vor denen Europa steht.  Das ist etwas, wo der Weg, den wir noch vor uns haben, mindestens so lange ist, wie der, den wir hinter uns haben, auch wenn zweifellos und trotz aller Europaverdrossenheit und Schwierigkeiten, die der europäische Integrationsprozess, gerade auch im letzten Jahrzehnt erlebt hat; das ist etwas, was sicherlich als eine der großen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts bleibt.  Das ist diese europäische Einigungsperspektive. 

Auf einem Kontinent, der Jahrhunderte lang nur durch Krieg geprägt war (jeder von uns kennt die Geschichte nur aus Kriegsdaten, innereuropäische Kriege), ist  jeder sogar stolz irgendwo der Ort eines Friedens gewesen zu sein, was aber notwendigerweise heißt, dass es vorher einen Krieg gegeben hat.  Das ist Europa gewesen!  Wir können es jetzt in eine ganz andere Perspektive bringen.  Wir brauchen die mobilisierende Idee, das, was die Dinge in Bewegung bringt.  Das fehlt zum jetzigen Zeitpunkt!  Ich habe nicht den Eindruck, dass wir mit dem Lissabon-Vertrag den großen Wurf geschafft haben, der uns wirklich voranbringt, auch wenn ich mich sehr darüber freue, dass jetzt an der Spitze der Europäischen Union, als Ständiger Präsident, ein Belgier steht.  Das ist für mich sehr interessant.  Das hat mir schon einmal einen Auftritt beim Sender Phoenix in Berlin gebracht. Seitdem habe ich bei jeder Veranstaltung in Berlin mindestens 300-400 Leute.  Also Belgien ist auch aus dieser Perspektive sehr interessant –  dann kann man immer die schöne Übung machen (das ist natürlich, wenn so Hunderte Leute da sind, auch vom „Musikalischen“ her viel interessanter). Man kann mal üben, wie man „Van Rompuy“ ausspricht.  Das ist gar nicht so einfach, für jemand, der nicht aus der Tradition des Niederländischen kommt.

Ist Herr Van Rompuy wirklich die Telefonnummer, von der Herr Kissinger mal gesprochen hat, die man haben müsste, um mit Europa zu verhandeln. Die Frage zu stellen, ist es schon, sie zu beantworten.  Was vor uns steht, ist noch sehr schwierig, aber es ist, und davon bin ich zutiefst überzeugt, die einzige Perspektive, die wir wirklich auf längere Sicht haben. Eine Perspektive, die wir trotz aller Schwierigkeiten, auch in mühevoller Kleinarbeit, vorantreiben wollen.  In diesem Fall spielt all das, was man an Know-how braucht, um Grenzen wirkungsvoll überwinden zu können, um aus Unterschieden Komplementaritäten und gegenseitiges sich Befruchten zu machen eine ganz große Rolle.  Da haben wir in Europa große Erfahrungen, aber auch noch viele unerledigte Aufgaben vor uns. 

Ich bin persönlich der Meinung, dass vielleicht eine Region hier ist, die sich direkt als Grenzregion vielleicht auf der Distanz zu den Staatsgrenzen in der Bundesrepublik nicht empfindet, aber wenn wir uns etwas in die jüngere Geschichte, vor der deutschen Einheit, bewegen, sieht das schon wieder was ganz anders aus.  Damals hatte Hessen an vielen, Stellen auch eine ganz andere Grenzlage und große Auswirkungen. Grenzen überwinden ist diesbezüglich etwas ganz Fundamentales. Es geht auch nur, wenn man das wirklich will. Oder sagen wir es anders herum: Wenn man es „darf“ (das mit der innerdeutschen Grenze war mit dem „dürfen“ ja nicht nur eine rhetorische Floskel), wenn man es „will“ und wenn man es „kann“.

Was „dürfen“ heißt, ist klar.  Ich kenne es noch aus meiner Jugend (es ist aber verjährt).  Ich habe mehrmals widerrechtlich geschmuggelt als ich jünger war.  Meine erste Stereoanlage habe ich mir so billiger in Deutschland gekauft und dann nach Belgien in meine Studentenwohnung gebracht.  Ich bin übrigens angehalten worden damals, aber der Zöllner hat die Anlage nicht gefunden – das war schon sehr wichtig für mich!  In meiner Heimat haben, nach dem Krieg, Menschen großen Reichtum mit Kaffee- und Butterschmuggel erlangt.  Das sieht man heute noch an ihren Kindern, in den Häusern, in denen sie wohnen, ob es nun die Schmuggler oder die Zöllner waren übrigens.  Das sind Häuser, die man sich mit dem normalen Gehalt der Leute, die dort wohnen, niemals leisten kann.  Das sind so Dinge, die bleiben…  also man muss „dürfen“. Das ist eine Sache…

Man muss es „wollen“.  Das ist manchmal auch leichter gesagt als getan.  Ich kenne viele Politiker, die auch deshalb abgewählt worden sind, weil sie zu blauäugig in grenzüberschreitende Zusammenarbeit gegangen sind.  Bei der Frage, wo siedeln wir denn jetzt den Betrieb bei der gemeinsamen grenzüberschreitenden Industriezonenbewerbung an? Wo kommen denn die Buchungen an, wenn wir eine gemeinsame elektronische grenzüberschreitende Buchungszentrale haben? Das kann durchaus Anlass zu Problemen geben. 

Man muss es auch noch „können“. Das ist wahrscheinlich das Allerschwierigste.  Es genügt nicht zu „dürfen“ und zu „wollen“, man muss auch noch „können“.  Das ist übrigens nicht nur für diese Art von Beziehungen von Bedeutung.  Die Frage, kann ich überhaupt wirklich grenzüberschreitend zusammenarbeiten, bringt mich direkt zu der Frage: Wie groß ist denn meine interkulturelle Kommunikationskompetenz? 

Gerade in Europa ist die Vielfalt trotz Einigung und Wegfall der Binnengrenzen derart, dass die Unterschiede sehr gewaltig sind.  Je nachdem in welcher Grenzregion Sie sind, erleben Sie das sehr massiv.  Es können sprachliche Verschiedenheiten sein.  Wenn ich an der Niederländisch-Deutsch-Belgischen Grenze arbeite, habe ich mit drei Sprachen zu tun:  Französisch-Niederländisch-Deutsch. Das ist schon nicht jedermanns Sache, aber grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist wirklich nur echt möglich, wenn man zumindest die Sprache des Nachbarn versteht.  Ich muss aber auch mit seinen Mentalitäten fertig werden.  Da gibt es wunderbare Studien der Universität Straßburg und des Europainstituts Kehl, dass daneben liegt, die so die Kommunikationsproblematik zwischen Schweizern, Deutschen und Franzosen darstellen.  Wenn ein Deutscher sagt: „Wir machen das mal…“ Und wenn der Franzose sagt: „Wir machen das mal…“  Dann kann es ein großes Missverständnis geben!

Aber selbst diese Dinge sind noch nicht alles.  Es gibt auch weiterhin in der Verwaltung, selbst in der Wirtschaftsstruktur, in den einzelnen europäischen Staaten, große Unterschiede, vor allem, wenn wir das erweiterte Europa nehmen.  Deshalb ist interkulturelle Kommunikationskompetenz eine Eigenschaft, die absolut notwendig ist, wenn man in diesem Thema voran kommen möchte.  Diese interkulturelle Kommunikationskompetenz ist weitaus mehr wie, es mal in einer schönen Publikation des europäischen Konzerns EADS stand: „Interkulturelle Kommunikationskompetenz ist weitaus mehr als eine Fremdsprachenkurs oder eine Fettnäpfchenlehre für Fortgeschrittene“.  Dieses Zitat bringe ich in jeder Rede, die ich ungefähr zu dem Thema halte.  Besonders gerne bringe ich es dann, wenn ich irgendwo rede, wo Dolmetscher sind. Stellen Sie sich mal vor, wie die schwitzen, um „Fettnäpfchenlehre“ in die jeweiligen Zielsprachen zu übersetzen. 

An dieser Stelle möchte ich mit dem Thema „durch Zusammenarbeit Grenzen überwinden“ auf eine europäische Identitätsebene zu sprechen kommen. Es ist natürlich so, dass diese Zusammenarbeit äußerst komplex und vielfältig ist und dass sie sich fast noch mehr durch die Unterschiede als durch die Gemeinsamkeiten definiert. Wir haben es hier in jedem Fall mit einer tollen Mischung zwischen diesen beiden Elementen zu tun, die einander hervorragend ergänzen. 

Es ist eine ganz große Herausforderung, aber sie ist von allergrößter Bedeutung für die Zukunft unseres Kontinentes.  Ich spreche auch deshalb sehr oft von Grenzregionen, weil ich in diesem Bereich relativ stark europäisch engagiert bin (u.a. als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft europäischer Grenzregionen).  Die Grenzregionen spielen in Europa eine besonders interessante Rolle, weil sie gleichermaßen Motor und Laboratorium sein können.  Wenn Sie Grenzregionen untersuchen, in denen äußerst komplizierte Variablen aufeinanderstoßen, erhalten Sie die Möglichkeit, intensiv zu experimentieren.  Das, was dort umsetzbar ist, ist meistens auch anderswo nützlich.  Das, was nicht erfolgt, das sollte man sich noch einmal sehr genau anschauen.

Dieser ganze Prozess ist im vollen Gange.  Er findet statt, überall in Europa, auch dort, wo man die Grenzen vielleicht nicht so unmittelbar spürt.  Durch die Globalisierung wird es immer einfacher mit anderen Stellen in Kontakt zu sein.  Man wird gerade deshalb immer wieder mit den Fragen konfrontiert: Was mache ich eigentlich selbst? Wie positioniere ich mich? Was sind meine Alleinstellungsmerkmale? Was sind meine Chancen? Was sind meine Besonderheiten? Wie kann ich die einbringen? Wie gelingt es mir, daraus etwas Vernünftiges zu machen? Das ist ein sehr spannendes Thema. 

Ich habe jetzt gerade vor kurzem dazu ein Buch herausgeben dürfen.  Das sind 260 Seiten.  Darin können Sie derlei Geschichten, wie ich sie Ihnen jetzt erzählt habe, in allen Variationen nochmals finden.  Der Titel alleine ist schon ganz toll:

„Die Grenzregionen als Labor und Motor kontinentaler Entwicklungen in Europa“ 

 … also mehr hochstapeln kann man eigentlich gar nicht. 

Ich freue mich, Ihnen nachher ein Exemplar mit nach Hause zu geben.  Denn irgendwie haben Sie doch eine Belohnung verdient, da Sie mir so lange, so aufmerksam, zugehört haben (genau 49:50 Minuten).

Das tut’s jetzt. 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!