Reden

Festakt zum Tag der Deutschsprachigen Gemeinschaft


Festakt zum Tag der Deutschsprachigen Gemeinschaft
(Brüssel)

15/11/2010

PDF_20101115 (188.9 KiB)

Anrede,

im Namen des Parlamentes und der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft heiße ich Sie alle herzlich willkommen in der Brüsseler Vertretung der DG.

Ich freue mich, dass Sie auch in diesem Jahr, bei der 6. Ausgabe dieses Empfangs, so zahlreich unserer Einladung Folge geleistet haben.

Ich sehe viele bekannte Gäste und auch neue Gesichter, die uns zum ersten Mal die Ehre erweisen.

Stammgäste oder Neugierige – mit Ihrer Anwesenheit machen Sie der DG eine große Freude.

Meine Damen und Herren,

Festtage haben etwas mit Feiern zu tun.

Heute feiern wir den „Tag des Königs, der seit 1999 auch „Tag der Deutschsprachigen Gemeinschaft“ ist.

Zu Beginn möchte ich jedoch all derer gedenken, die in den letzten Tagen Opfer der Unwetter geworden sind, die unser Land an vielen Stellen heimgesucht haben.

Wir sind Naturkatastrophen meist aus anderen Teilen der Welt gewöhnt.

Sie können aber auch unser Land treffen.

Den Angehörigen der Toten gilt unsere aufrichtige Anteilnahme.

Allen anderen Opfern wünschen wir, dass sie die Folgen der Unwetter meistern können und die nötige Hilfe rasch und unbürokratisch erhalten.

 

Distinguished guests,

When looking at the projections behind me (“2 plus 3 equals 4”) you might get the impression that you have finally escaped from the never-ending discussions concerning the reform of the Belgian federal system… only to discover a second later that – instead – you are going to attend a session of modern and clearly rather abstract mathematics.

But I can assure you, the theme of my speech will neither be the first nor the second – it will be both!

To explain this, I wish to put something into practice I learned during the last summer when attending an intensive English course at Ceran Lingua in SPA (a step long overdue as you might have noticed – and which I can really recommend to anybody who would like to improve his language skills by the way).

So today, you will be my guinea-pigs (Versuchskaninchen) for testing the so-called Kiss-Method, I learned at the seminar.

And again, I can reassure you, it is not what most of you are thinking at the moment.

Kiss stands for “Keep it short and simple”. And what would be better to achieve this goal than to create a mathematic equation?

After all, the human mind works in a very visual way.

I have given a lot of interviews over the last 3 or 4 days and whenever I am asked what the German-speaking community expects from this next step of the Belgian reform-process I respond this: We want 2 plus 3 to equal 4.

We are aware that many Flemish politicians wish a Belgian state with two components and that most French-speakers dream of a country with 3 entities but we want the discussions between all partners to add up to a Belgian federal state with 4 partners. (Flanders, Wallonia, Brussels and the German-speaking Community).

When hearing the word “Partners” you might assume that it was no coincidence that this photo by Alexander Louvet has been chosen for today’s reception.

And you are right! 

4 hands holding, supporting and somehow completing each-other within a stable partnership – That is the vision we have for the Belgian future.

In der Mythologie und in der Symbolik vieler Weltregionen steht die Zahl 4 für Vollendung.

Es gibt vier Jahreszeiten, 4 Himmelsrichtungen und 4 Seiten des Quadrats.

Das vierblättrige Kleeblatt und die 4 Asse des Kartenspiels verheißen Erfolg. 

Warum soll das bei der Vollendung der belgischen Staatsreform anders sein?

De tijd is rijp voor een verdere fundamentele en grondige staatshervorming die tot een duidelijke verschuiving van het zwaartepunt van de federale staat naar de deelstaten zal leiden.

De rol van de Duitstalige Gemeenschap in de huidige onderhandelingen is voldoende bekend: als ‘triangelspeler’ in het communautaire orkest hebben wij geen hoofdrol, maar moeten wij erop letten dat wij op het juiste moment, op de juiste plaats en met de juiste boodschap het woord nemen om onze belangen te verdedigen.

En wij hebben een duidelijk beeld van die belangen: 

Wij zien ons binnen België als een gelijkgerechtigde deelstaat.
 

Si les entités fédérées se verront attribuées de nouvelles compétences et responsabilités, si les institutions seront simplifiées et si du côté francophone, les Communautés et Régions continuent à se rapprocher, la Communauté germanophone doit être sûr de garder et défendre sa place. 

Le consensus entre tous les partis germanophones est clair et sans équivoque :

Nous, les Belges germanophones, sommes prêts, disposés et aptes à assumer – moyennant les moyens ou modes de financements adéquats – le rôle d’une Communauté-Région exerçant toutes les compétences qui ont été ou qui seront transférées aux entités fédérées.

En ik zal het in het Nederlands herhalen: 

Wij, de Duitstalige Belgen, zijn klaar, bereid en in staat als gemeenschaps-gewest met passende middelen en financieringsmogelijkheden alle bevoegdheden uit te oefenen, waarover de gefedereerde entiteiten beschikken of die hen in een toekomstig België zouden worden toebedeeld.

 
Und weil es sich hierbei um die Kernbotschaft des heutigen Tages handelt, dasselbe auch nochmals in Deutsch;

Wir, die deutschsprachigen Belgier, sind bereit, gewillt und in der Lage, als Gemeinschaft-Region mit angemessenen Mitteln und Finanzierungsmöglichkeiten alle Befugnisse auszuüben, für die im zukünftigen Belgien die Teilstaaten zuständig sind. 

Nach fünf Reformen zur Umwandlung Belgiens in einen Bundesstaat muss auch diesmal wieder der berühmte „belgische Kompromiss“ gefunden werden.

Noch sind die Würfel nicht endgültig gefallen.

Wir stehen vor spannenden Stunden, Tagen und Wochen, in denen sich entscheiden wird, ob der belgische Kompromiss noch funktioniert.

Aber ohne einen Kompromiss wird die Reform nicht gelingen.

Zu einem belgischen Kompromiss gibt es allerdings auch keine vernünftige und wünschenswerte Alternative.

Dazu bedarf es meta-mathematischer Fähigkeiten, so wie sie etwa in früheren Phasen der Staatsreform bei der Festlegung des Statuts der Region Brüssel-Hauptstadt zu Tage gekommen sind.

Dabei ist es gelungen, eine Lösung zu finden, die der Quadratur des Kreises gleich kommt.

An dieser mathematischen Aufgabe haben sich seit der Antike Generationen von Mathematikern und Laien versucht, ohne sie jedoch jemals lösen zu können. 

Erst dem deutschen Mathematiker Ferdinand von Lindemann gelang es 1882 zu beweisen, warum dies ganz einfach nicht möglich ist.
Die Erklärung hierfür ist so simpel, dass man sich fragt, wieso es so lange gedauert hat, bis irgendjemand darauf kam:

Die Unmöglichkeit der Rechenaufgabe ist nämlich darauf zurückzuführen, dass „∏“ nicht algebraisch, sondern transzendent ist.

Deshalb ist „∏“ in gerader Linie nicht konstruierbar und die Quadratur des Kreises unmöglich.

Wie dem auch sei…

Aufgrund der meta-mathematischen Fähigkeiten der belgischen Verhandlungspartner bin ich durchaus zuversichtlich, dass auch für die Gleichung „2 + 3 = 4“ durchaus glaubhafte Zukunftsperspektiven bestehen.

Und da wir schon beim Lösen schwieriger Aufgaben sind, möchte ich Sie um Ihre Hilfe beim Bewältigen einer keineswegs banalen Herausforderung bitten.

Morgen Abend muss – darf – ich in Berlin anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Nationalstiftung an einer von dem deutschen Journalisten Ulrich Wickert moderierten Diskussion über nationale Identitäten in einem zusammenwachsenden Europa teilnehmen und dabei die Zuhörer mit dem Inhalt und den Besonderheiten der belgischen Identität vertraut machen. 

Keine ganz einfache Aufgabe.  Da kann man dann beispielsweise mit der Frage beginnen: „Wie spricht man „belgisch“?“. 

Ich wäre Ihnen allen für jede Anregung im Laufe des nun folgenden Empfangs äußerst dankbar.

Aber ehe ich Sie alle zu diesem einlade, möchte ich noch auf ein Ereignis zu sprechen kommen, das am 29. Januar 2011 stattfinden wird und das viel mit der Identität und dem Selbstverständnis der deutschsprachigen Belgier zu tun hat.

Die 3. Rheinische Kappensitzung in Brüssel, die wir gemeinsam mit der Deutschen Botschaft, der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen und dem Landschaftsverband Rheinland sowie dem Festkomitee Kölner Karneval vorbereiten.

 Nein, ich werde auch 4 Tage nach dem 11.11. , dem Start der diesjährigen Karnevalssession, nun nicht mit „Alaaf“ abschließen.

 Vielmehr wünsche ich Ihnen einen angenehmen Empfang und viele anregende Gespräche.

 Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!